Ein Weihnachtsmärchen aus dem historischen Kinzigtal

Mit einem lautstarken „Fröhliche Weihnachten“ komme ich hinter dem zweiten Türchen des Autoren-Adventskalenders (www.autoren-adventskalender.de)  hervorgesprungen und habe Euch eine kleine Überraschung mitgebracht: eine Weihnachtsgeschichte mit einigen Eurer Lieblinge aus der Kinzigtaltrilogie – ich gebe zu, etwas ungewohnt auf Projekt Mami – aber Ihr habt ja bestimmt nichts dagegen 😉

Wer die Romantrilogie noch nicht kennt, hat übrigens am 10.12.  über den Adventskalender und die liebe Katja Zusset die Chance, sie näher kennenzulernen…

Ach, und noch ein Hinweis: Auf http://www.tanjabruske.de findet Ihr ein weihnachtliches Gewinnspiel!

 

Eine wunderschöne Adventszeit, meine Lieben!

Der Lauscher im Baum

Die Rinde der Eiche war eiskalt und die Borke schnitt in seine Finger, während er sich am Stamm festklammerte. Und jetzt begann es auch noch zu schneien. Der Mann, der sich Raben-Stephan nannte, stieß einen Fluch aus – lautlos, denn schließlich war er gerade dabei, sich zu verstecken. Er war nicht drei Meter hoch auf diesen verdammten Baum geklettert, um sich dann durch ein unbedachtes Wort zu verraten. Er schob sich weiter in die Höhe und setzte sich vorsichtig auf einen stabil wirkenden Ast – ob das Gehölz wirklich so stabil war, wie es im bleichen Sternenlicht wirkte, würde der Raben-Stephan wohl auf die harte Tour herausfinden müssen.
Sobald er sicher war, dass ihn der Ast zumindest vorerst tragen würde, tastete er nach seinem Beutel. Er atmete auf, als er die harte Kontur der kleinen Kiste darin erspürte. Es wäre eine Schande gewesen, wenn er bei diesem absurden Abenteuer das, weswegen er eigentlich gekommen war, im Dunkel der Dezembernacht verloren hätte. Eine Schande, und überaus ärgerlich. Schließlich hatte das Kistlein über fünf Jahre in seinem Versteck ausgeharrt und auf ihn gewartet. Da wäre es doch allzu schade, wenn diese Warterei umsonst gewesen wäre.
Als der Raben-Stephan aus Steinau an der Straße hatte verschwinden müssen – eigentlich war es noch gar nicht so lange her – , war das etwas überstürzt geschehen. Und er hatte nicht nur möglichst viel Raum zwischen sich und das Städtchen gebracht. 1791 war das gewesen. Nun schrieb man das Jahr 1796, und die Zeiten hatten sich geändert. Das hatte der Raben-Stephan zumindest in seinem ehemaligen Hauptquartier im Huttengrund gehört. Der Amtmann, der damals ein Kopfgeld auf die Ergreifung des Raben-Stephan ausgesetzt hatte, war Anfang des Jahres gestorben. Sein Nachfolger hatte wenig Ahnung von dem, was damals geschehen war. Das behaupteten zumindest die ehemaligen Kumpane, mit denen der Raben-Stephan gesprochen hatte.
Trotzdem – in die Stadt hinein wagte sich der ehemalige Spessart-Räuber doch nicht. Vielleicht kannte der ein oder andere noch sein Gesicht. Sein Verschwinden war nicht eben unauffällig vonstatten gegangen.
Aber es war auch gar nicht nötig gewesen, die Stadt aufzusuchen. Der Raben-Stephan hatte seine kleine Kiste damals wohlüberlegt im Wald, nahe des Krugbaus, versteckt. Er hatte sie unter einer großen Wurzel vergraben. Sie war auffällig genug, damit er sie wiederfinden konnte, aber nicht so auffällig, dass jemand anderes auf die Idee kommen könnte, dass sich dort etwas Wertvolles verbarg.
Aber wer sollte auch darauf kommen? Der Raben-Stephan hatte niemandem von seiner Kiste erzählt. Im Huttengrund hatte die Obrigkeit wohl damals alles auf den Kopf gestellt, um seinen Anteil an der Beute zu finden. Doch er war nicht so dumm gewesen, sie in der Nähe seines Unterschlupfes zu verbergen.
Allerdings hatte er nun vielleicht einen Fehler gemacht. Im Huttengrund aufzutauchen, hatte nach all den Jahren für mehr Aufsehen gesorgt, als ihm lieb war. Trotzdem hatte er gedacht, dass ihm niemand nach Steinau gefolgt war – bis er, bereits auf dem Rückweg, das verräterische Knacken im Unterholz hörte. Was dazu geführt hatte, dass er nun in der alten Eiche saß und hinunter spähte.
Mochte der Teufel wissen, wer sich am Abend vor Weihnachten im Wald herumtrieb. Der Raben-Stephan hoffte nur, dass es niemand aus dem Huttengrund war. Er hatte gewartet, bis es dunkel war, aber eigentlich war es noch nicht spät am Abend – das Geläut der Katharinenkirche hatte vor wenigen Minuten die achte Stunde verkündet.
Um so erstaunter war der Raben-Stephan, als er vier kleine Gestalten zwischen den Bäumen hervorstapfen sah.
Kinder!, durchfuhr es ihn. Was treiben die um diese Zeit im Wald?
Die Sterne leuchteten hell und klar in der Winternacht, und Raben-Stephan konnte die schmalen, blassen Gesichter deutlich erkennen. Es waren drei Jungen – vielleicht zehn, elf Jahre alt – und ein kleines Mädchen von etwa drei Jahren. Die Jungen unterhielten sich flüsternd, und sie wären sicher einfach an der Eiche vorbei gegangen. Doch plötzlich stemmte das kleine Mädchen die Füßchen in die Erde.
„Ich mag nicht weitergehen!“, erklärte sie, und die helle Kinderstimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.
Der größte der Jungen seufzte. „Lotte, du hast versprochen, brav zu sein, wenn wir dich mitnehmen.“
„Ich bin brav“, sagte das Mädchen mit unschuldigem Augenaufschlag.
„Nein, bist du nicht, und das Christkind bringt dir bestimmt morgen deswegen überhaupt keine Geschenke“, fuhr der kleinste der Buben das Mädchen an.
Lotte streckte ihm die Zunge heraus. „Es bekommt gar keiner Geschenke, weil das Christkind dieses Jahr gar kein Geld hat. Auch du nicht, Ferdinand. „, fauchte sie.
Ungeduldig wandte sich der kleine Junge an die beiden Größeren. „Ich habe doch gleich gesagt, dass wir sie zu hause lassen sollten.“
„Und dann hätte sie Mutter verraten, dass wir in den Wald gegangen sind“, versetzte der große Junge. „Du weißt doch, dass sie ihren Mund nicht halten kann.“
„Jakob hat recht – und sonst hätte sie Mutter nur unnötig Arbeit gemacht“, mischte sich der Junge ein, der bislang geschwiegen hatte. „Mutter hat ohnehin genug zu tun, jetzt wo die Tante…“ Der Junge verstummte und schluckte schwer. Der Große legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. „Ist schon gut, Wilhelm.“
Ein paar Sekunden schwiegen sie alle. Der Älteste, den der andere Jakob genannt hatte, sprach schließlich mit belegter Stimme weiter. „Wir wollen doch Mutter nicht zusätzlich belasten, wo sie sich doch heute um die Beerdigung und den Trösterkaffee und alles kümmern musste.“
Ferdinand hatte die Arme trotzig verschränkt, nickte aber. „Deswegen sind wir doch hier, oder?“ Er schwang betont unternehmungslustig eine kleine Axt.
„Pass auf damit“, warnte Wilhelm. „Wenn du sie verlierst, ist es aus mit unserem schlauen Plan.“
Der Raben-Stephan rückte ein Stückchen auf dem Ast hin- und her. Fast war er zornig, dass er sich nur wegen ein paar Kinder versteckt hatte. Andererseits war es aber wohl besser, wenn ihn wirklich gar niemand im Wald sah. Allerdings könnten sich die Blagen mal etwas beeilen, statt ein Schwätzchen zu halten. Er wollte schließlich nicht die ganze Nacht auf dem Baum hocken.
Doch die drei Jungen mussten beratschlagen, was sie mit der dickköpfigen Schwester anfangen sollten, die noch immer nicht weitergehen wollte.
„Meine Füße sind ganz müde und mir ist kalt“, sagte sie trotzig und verschränkte die Arme. Das glaubte der Raben-Stephan gerne: Zwar trug die Kleine einen braunen Wintermantel und ein gefüttertes Mützchen, doch darunter nur ein weißes Kleid, das ihm viel zu dünn für diese Jahreszeit vorkam.
„Aber wir müssen noch weiter“, beharrte Ferdinand. „Das Tannenwäldchen ist noch ein gutes Stück tiefer im Wald.“
„Dann gehen Jakob und ich eben alleine weiter und du gehst mit Lotte nach hause“, schlug Wilhelm vor.
Empört schüttelte Ferdinand den Kopf. „Nein, bestimmt nicht! Schließlich war ich es, den der Herr Eckhard gebeten hat, ihm einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Da will ich wohl auch dabei sein. Und ihr zwei alleine schafft es ohnehin nicht.“
„Das stimmt, alleine wird uns der Baum wohl zu schwer werden“, stimmte Jakob zu. Betrübt betrachtete er seine kleine Schwester – denn dass die Vier Geschwister sein mussten, war dem Raben-Stephan mittlerweile klar.
„Lotte, sei doch vernünftig“, appellierte nun Wilhelm an die etwa Dreijährige. „Der Wirt Eckhard wird uns den Baum gut bezahlen, so dass die Mutter zumindest einen Weihnachtsbraten kaufen kann.“
Lotte ließ sich auf einen umgestürzten Baumstamm plumpsen und baumelte mit den Beinen. „Ich warte hier auf euch“, sagte sie fröhlich.
„Das geht nicht“, sagte Jakob und schüttelte den Kopf. „Wir können dich hier nicht allein lassen.“
„Aber ich geh nicht weiter.“ Lotte blieb unerbittlich.
„Lass uns einfach schnell machen“, sagte Wilhelm schließlich nervös. „Wenn wir uns beeilen, sind wir in einer Viertelstunde wieder hier.“
Jakob war nicht überzeugt. „Ich weiß nicht. Wir können Lotte doch nicht einfach…“
Da riss Ferdinand der Geduldsfaden. „Ich gehe jetzt ohne euch“, sagte er wütend und schlug sich ins Unterholz.
So wie es aussieht, hat er vergessen, dass er alleine nicht in der Lage ist, den Weihnachtsbaum zu fällen und zu tragen, dachte Raben-Stephan halb amüsiert, halb wütend. Er wünschte wirklich, dass die Kinder endlich verschwanden – auch wenn er angesichts der traurigen Lage der Vier Mitleid empfand.
„Ferdinand, warte!“, rief Wilhelm erschrocken. Er warf Jakob einen auffordernden Blick zu und folgte dem kleineren Bruder. Jakob war anzusehen, dass er hin- und hergerissen war. Nach ein paar Sekunden des inneren Ringens hockte er sich zu Lotte, sah ihr beschwörend in die Augen und sagte: „Du rührst dich nicht von der Stelle, bis wir wieder da sind.“ Lotte nickte artig. Jakob griff in seine Tasche und holte etwas heraus, das in ein Taschentuch eingeschlagen war. „Hier ist ein Stück vom Trösterkuchen – aber verschling es nicht gleich, nur wenn du Hunger hast!“
Hastig sprang er auf und lief den Brüdern hinterher.
Der Raben-Stephan stöhnte leise. Sollte er nun wirklich noch mindestens eine Viertelstunde auf diesem Ast sitzen? Oder sollte er einfach hinunter klettern und darauf pfeifen, dass ein kleines Mädchen ihn sah? Mit viel Pech erschreckte er die Kleine so sehr, dass sie kopflos in den Wald rannte und sich verlief.
Nicht mein Problem, dachte er angesäuert. Was lassen diese törichten Buben ein so kleines Kind nachts alleine im Wald. Ich will jetzt endlich hier runter.
Lotte wippte vergnügt mit den Füßen und packte den Trösterkuchen aus. Es sah nicht so aus, als würde sie auf Jakob hören und mit dem Essen warten.
Schluss mit dem Unsinn. Ich klettere jetzt hinab, dachte der Raben-Stephan entschlossen.
Als er die Muskeln anspannte, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, raschelte es erneut im Unterholz. Der ehemalige Spessarträuber im Baum und das Kind darunter erstarrten gleichermaßen
Aus dem Wald trat ein anderes Kind.
Kurz war der Raben-Stephan erleichtert. Doch dann erkannte er den Jungen.
Das ist einer vom Borgener, durchfuhr es ihn. Verdammt. Der Borgener war einen von denen gewesen, mit denen er im Huttengrund gesprochen hatte. War sein alter Kumpan vom Krugbau vielleicht misstrauisch geworden und hatte ihn beschatten lassen?
„Wer bist du denn?“, fragte Lotte indessen unbekümmert. Der 13-Jährige vor ihr schien sie nicht zu beunruhigen. Wahrscheinlich dachte sie, dass von einem Jungen, der in einem ähnlichen Alter war wie ihre Brüder, keine Gefahr ausgehen konnte.
Dummerchen, dachte Raben-Stephan. Er wusste, dass man als Sohn eines Spessart-Räubers mit 13 Jahren schon lange kein unschuldiges Kind mehr war.
Doch er musste zugeben, dass der Junge, der dort unten stand, frierend und mit Augen, die in tiefen Höhlen lagen, nicht gerade furchterregend wirkte.
„Ich bin Philipp“, sagte er leise.
„;Mein Papa heißt auch Philipp“, sagte Lotte und biss in das Kuchenstück.
„Und wo ist dein Papa?“, fragte Philipp.
„Tot“, sagte Lotte unbekümmert.
„Das tut mir leid“, sagte Philipp.
„Das ist nicht schlimm. Tante Schlemmer ist jetzt auch tot. Im Himmel sehe ich sie wieder“, meinte Lotte.
Philipp sagte nichts. Seine Augen waren auf den Kuchen gerichtet.
„Wo ist denn dein Papa?“, fragte Lotte, die wohl dafür war, gleiche Voraussetzungen zu schaffen.
„Fort. Seit Tagen. Wir wissen auch nicht, wann er wiederkommt. Aber wir haben nichts mehr zu essen im Haus und auch kein Geld.“ Nach wie vor starrte Philipp auf den Kuchen.
Unwillkürlich spannte der Raben-Stephan sich an. Wie gesagt, er kannte Spessarträuber-Kinder.
„Oh!“ Lotte hatte gerade wieder in den Kuchen beißen wollen, doch nun hielt sie inne. Verständnis zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. „Hast Du Hunger?“ Nach kurzem Überlegen reichte sie dem Jungen ihren Kuchen. „Hier, den kannst du haben.“
Philipps Augen weiteten sich. Doch er schnappte sich ohne weitere Nachfrage den Kuchen und stopfte ihn sich in den Mund.
„Du bist wirklich sehr hungrig“, stellte Lotte mit einem erstaunten Ausdruck in der Stimme fest. Doch ehe sie noch mehr sagen konnte, war der Junge bereits wieder im Wald verschwunden.
Der Raben-Stephan hörte, wie sie etwas murmelte, das nach „Mutter hat gesagt, dass man immer ‚Auf Wiedersehen‘ sagen muss'“ klang. Er schmunzelte. Es wurde langsam Zeit für ihn, zu gehen. Er legte die Hände um den Ast, um sich hinabzulassen, als Schritte aus der Tiefe des Waldes zu hören waren. Der Raben-Stephan hielt inne. Vielleicht waren Lottes Brüder schon wieder zurück. Dann sind sie verdamm schnell darin, einen Baum zu fällen.
Doch es war eine schlanke Mädchengestalt, die zwischen den Bäumen hervortrat. Ungläubig schnalzte der Raben-Stephan mit der Zunge. Die roten Haare waren unverkennbar: Das war Gerda, die Älteste von seiner ehemaligen Geliebten Anna.
Treiben sich denn heute alle Koder aus dem Bayes hier herum?, dachte er wütend. Das konnte kein Zufall sein. Die Rote Anna hatte er heute nur flüchtig gesehen, und die Blicke, die sie ihm zugeworfen hatte, waren alles andere als freundlich gewesen.
„Du schuldest mir noch was“, hatte sie gezischt. Doch natürlich hatte der Raben-Stephan nicht vor, ihr mehr als ein müdes Lächeln zukommen zu lassen.
Es war sicher kein Zufall, dass Gerda nun unter diesem Baum stand. Das Mädel war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, wenn er sich richtig erinnerte. Doch sie wirkte deutlich jünger, denn sie war unterernährt und mager. Sie trug kaum mehr als Lumpen am Körper. Neugierig musterte sie die kleine Lotte.
„Hallo“, sagte die Kleine, die sich daran zu gewöhnen schien, dass ständig fremde Kinder auftauchten. „Ich bin Lotte, und wer bist du?“
„Was machst du hier?“, fragte Gerda, ohne zu antworten. Sie sah sich suchend um, wohl weil sie vermutete, dass ein so kleines Kind nicht alleine im Wald sitzen würde.
Sollte es schließlich auch nicht, dachte der Raben-Stephan verstimmt.
„Meine Brüder fällen einen Baum“, erzählte Lotte. „Sie sagen, das dauert eine ganze lange Weile.“
Dummerchen, dachte der Raben-Stephan erneut.
Gerda schien sich jedoch nicht besonders für Lottes Brüder zu interessieren. „Hast du noch jemanden im Wald gesehen?“
Lotte legte den Kopf schief. „Wen denn?“
„Einen Mann“, sagte Gerda schnell. „Einen Mann mit schwarzen Locken.“
Sie mal an, dachte der Raben-Stephan und strich sich unwillkürlich durch sein dichtes Haar. Also wirklich kein Zufall.
„Ist nicht hier herumgelaufen“, sagte Lotte und zuckte mit den Schultern. „Nur ein hungriger Bub war vorhin da.“ Sie betrachtete Gerda neugierig. „Hast du auch Hunger? Ich hab aber keinen Kuchen mehr.“
„Das ist nicht schlimm.“ Gerda schlang die Arme um ihren schmalen Körper. „Du hast also wirklich niemanden gesehen?“
Lotte legte den Kopf schief. „Ist dir kalt? Hat dir deine Mama nicht gesagt, dass man im Dezember nicht ohne Jacke rausgeht?“
Gerda lachte bitter – ein Lachen, das gar nicht zu ihr passte, weil es viel zu erwachsen klang.
„Meiner Mama ist es egal, was ich anhabe. Hauptsache, ich mache, was sie sagt“, meinte sie zynisch. „Außerdem habe ich gar keine Jacke.“
„Wie dumm“, sagte Lotte mitfühlend. „Da wirst du dich vielleicht erkälten.“
„Ja, vielleicht“, sagte Gerda müde und abwesend. Sie schien darüber nachzudenken, ob sie nach hause zurückkehren konnte, ohne ihrer Mutter eine Erfolgsmeldung zu bringen. Oder ob sie irgendwo im Wald einen Platz zum Schlafen fand.
Lotte stand auf und zog ihren Mantel aus. „Da, den schenke ich dir“, sagte sie und reichte Gerda das Kleidungsstück. Gerda zuckte zurück, als habe Lotte ihr eine Schlange angeboten.
„Was soll das?“, fragte sie scharf. „Ist das ein Scherz?“
„Wieso, findest du das lustig?“, fragte Lotte erstaunt. „Du kannst den Mantel ruhig haben. Vielleicht bekomme ich bald den alten Mantel von Ludwig Emil. Das ist zwar ein Mantel für Buben, aber mir gefällt er.“
Zögernd griff Gerda nach dem Mantel. Sie schlüpfte hinein – er war ihr natürlich viel zu klein, so dass er eher wie eine kurze Jacke wirkte. Trotzdem spendete er Wärme.
„Danke“, sagte Gerda. Sie gab ein Geräusch von sich, das nach einem Schluchzen klang.
„Bitte“, sagte Lotte vergnügt. „Und sag deiner Mama, dass sie sich ein bisschen besser darum kümmern soll, was du anziehst.“
Gerda setzte an, um etwas zu sagen. Doch dann überlegte sie es sich offenbar anders. Sie hauchte: „Frohe Weihnachten!“, drehte sich um und rannte davon.
Die Kleine ist gar nicht so übel, dachte der Raben-Stephan voll widerwilliger Bewunderung. Er überlegte sich, dass er auf dem Baum sitzen bleiben würde, bis Lottes Brüder wieder da waren – nur zur Sicherheit. Er lehnte sich zurück und hörte, wie Lotte zu singen begann – ein Kinderlied, das er nicht kannte. Vielleicht dachte sich die Kleine Text und Musik auch gerade erst aus. Die Melodie lullte ihn ein. Er schloss die Augen.
„Guten Abend, junge Dame“, sagte eine Stimme, die der Raben-Stephan sehr gut kannte. Vor Schreck wäre er beinahe von seinem Ast gefallen. Er riss die Augen auf. Eine breitschultrige Gestalt war aus der Düsternis des Waldes an das Kind herangetreten. Die langen braunen Haare waren ihm in den vergangenen Jahren wohl ausgefallen und hatten einer spiegelnden Glatze Platz gemacht. Doch der Raben-Stephan hätte ihn trotzdem jederzeit an seiner schmierigen Stimme erkannt: Das dort unten war Balthasar Diederich, auch genannt Beutel.
Im Raben-Stephan schrillten alle Alarmglocken. Beutel hatte er im Huttengrund zwar nicht gesehen – aber vielleicht hatte der ehemalige Kumpan ja ihn gesehen..?
„Hallo“, sagte Lotte fröhlich. „Du hast ja gar keine Haare mehr!“
„Das stimmt“, sagte Beutel und lachte dreckig. „Die Weiber haben dafür gesorgt, dass mir die Haare alle ausgefallen sind.“
„Wirklich?“, fragte Lotte fasziniert. „Wie haben sie das gemacht?“
„Das findest du noch früh genug heraus, Kleine“, sagte Beutel. „Aber sag mal, was machst du so ganz alleine im Wald?“
„Ich warte auf meine drei Brüder“, sagte Lotte und fügte hinzu. „Sie haben eine Axt dabei.“
Doch nicht so ein Dummerchen, dachte der Raben-Stephan und grinste.
Beutel sah sich unbehaglich um. Drei Brüdern mit einer Axt wollte er augenscheinlich nicht begegnen. „Ach ja? Hast du vielleicht noch jemanden im Wald gesehen?“
„Einen Mann mit dunklen Locken?“
„Ja, genau!“, rief Beutel erfreut.
„Nö, der Ist hier nicht vorbeigekommen“, gab Lotte Auskunft. „Nur einen hungrigen Jungen und ein rothaariges, frierendes Mädchen habe ich getroffen.“
Beutel machte ein dummes Gesicht. Dann hatte es den Anschein, dass er wütend wurde. Der Raben-Stephan machte sich bereit. Er würde nicht zulassen, dass Beutel der Kleinen etwas tat. Doch Lotte kam ihm zuvor.
„Ist das kalt?“, fragte sie.
„Hä?“, machte Beutel. Ihm war der Wind aus den Segeln genommen.
„Das ist bestimmt kalt“, vermutete Lotte.
„Was ist kalt?“, fragte Beutel perplex.
Er war noch nie die hellste Kerze in der Kirche, dachte der Raben-Stephan.
„Na, dein Kopf – so ohne Haare“, meinte Lotte.
„Oh“, machte Beutel. „Nun… ja… Aber was den Mann mit den Locken angeht…“
„Willst du meine Mütze?“
Beutels Verwirrung war komplett. „Was?“
„Meine Mütze“, wiederholte Lotte geduldig. „Damit es dich am Kopf nicht so friert.“
„Ach. Äh…“
Ehe Beutel reagieren konnte, war Lotte aufgestanden und hatte ihm ihre Mütze in die Hand gedrückt. „Sie ist mit Kaninchenfell gefüttert. Das fühlt sich auf deinem Kopf bestimmt schön an. Weil du ja keine Haare hast.“
Beutel betrachtete die Mütze. „Ja, kann sein.“
„Setz sie doch auf“, forderte Lotte. Beutel gehorchte.
„Und? Fühlt es sich schön warm und kuschelig an?“, fragte Lotte gespannt.
Beutel nickte langsam. „Ja. Ja, das tut es“, sagte er verwundert.
„Das ist doch schön. Dann frohe Weihnachten“, sagte Lotte fröhlich und winkte. Beutel war entlassen.
Beutel zögerte kurz. Dann winkte er zurück. Und dann drehte er sich um und ging langsam in den Wald zurück.
Der Raben-Stephan saß mit offenem Mund auf dem Baum. Beutel war wirklich einfach so gegangen. Lotte hatte unwahrscheinliches Glück gehabt. Er wusste, was Beutel mit jungen Frauen und Mädchen, die fast noch Kinder waren, anszustellen pflegte.
Ein schwer zu beschreibendes Gefühl beschlich ihn. Eine Mischung aus Bewunderung und Zuneigung. Er hatte das Bedürfnis, dem Mädchen etwas Gutes zu tun – diesem kleinen Ding, das da nur noch in seinem weißen Kleidchen unter der Eiche auf einem Baumstamm saß und mit den Füßen wippte. Dessen Vater und Tante gestorben waren und für dessen Familie das Christkind in diesem Jahr kein Geld haben würde. Und das trotzdem so freigiebig war.
Vorsichtig griff der Raben-Stephan in seine Tasche und öffnete die Kiste. Er holte eine Hand voll Goldmünzen heraus und warf sie vorsichtig hinunter, so dass sie vor Lotte im Gras landeten. Die Kleine stieß einen erstaunten Juchzer aus und stand auf, um die Münzen einzusammeln. Da sie nun keinen Mantel mehr trug, hob sie den Saum ihres Kleides und legte die Goldstücke dort hinein. Sie war so damit beschäftigt, dass der Raben-Stephan unbemerkt vom Baum hinabsteigen und sich im Unterholz verbergen konnte. Lächelnd beobachtete er von dort aus Lotte, die jedes Goldstück mit einem kleinen Jauchzer begrüßte.
Sie las gerade die letzte Münze auf, als ihre Brüder zurückkamen, einen mittelgroßen, aber hübschen Tannenbaum zwischen sich tragend.
„Was hast du da, Lotte?“, fragte Jakob, als er Lotte entdeckte. Und dann, zunehmend entsetzt, fragte er: „Und wo sind dein Mantel und deine Mütze?“
„Die habe ich verschenkt“, sagte Lotte leichthin.
„Ich wusste, dass wir Ärger mit ihr haben würden“, kommentierte Ferdinand finster. Jakob seufzte. „Dann lasst uns schnell nach hause gehen, ehe Lotte eine Lungenentzündung bekommt.“
„Und was hast du gerade gesammelt?“, fragte Wilhelm misstrauisch, während sie sich Richtung Waldrand in Bewegung setzten..
Lotte hielt eine der Münzen hoch, so dass sie im Sternenlicht glänzte. „Seht nur!“
Die drei Jungen stießen unisono einen erstaunten Ruf aus und blieben wieder stehen.
„Wie viele sind das?“, fragte Wilhelm,
„Genug für neue Wintermäntel für uns alle!“, jubelte Ferdinand.
„Wo hast du die her?“, fragte Jakob.
Lotte lachte. „Die sind vom Himmel gefallen“, sagte sie. „Wie Sterntaler!“
„Sterntaler?“, fragte Wilhelm ungläubig.
Ferdinand schnaubte. „Lotte erzählt mal wieder Märchen!“
„Charlotte Amalie Grimm“, sagte Jakob streng, nahm die Kleine an die Hand und setzte sich wieder in Bewegung. „Wenn wir zu hause sind, wirst du mir ganz genau erzählen, was geschehen ist – und keine dummen Geschichten, hörst du?“
„Schon gut“, sagte Lotte. „Weißt du übrigens, was komisch ist?“
„Nein, was denn?“
„Dass außer mir niemand in diesem Wald nach oben zu gucken scheint.“
Der Raben-Stephan in seinem Versteck stutzte, dann lachte er. „Frohe Weihnachten, Charlotte Amalie Grimm“, sagte er leise, ehe er sich im Dunkel der Winternacht davonstahl.

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Das Selfie

„It’s hard, it’s hard, it’s hard out here for a bitch it’s hard…“ Das Klacken von Jolinas Absätzen hallte auf der menschenleeren Straße. Sie wurde nicht langsamer, während der schrille Klingelton des Handys erklang.

Jolina seufzte genervt und angelte das iPhone aus ihrer Umhängetasche. Das Display leuchtete sanft im Dunkel der Nacht, wie ein Glühwürmchen, dachte Jolina. Nur dass es im Oktober wohl kaum noch Glühwürmchen gab. Die waren bei dieser Kälte garantiert schon ab Richtung Süden oder was auch immer solches Krabbelzeug im Winter treiben mochte.

Cheyenne stand in großen Buchstaben auf dem Display. Jolina verdrehte die Augen. Sie spuckte ihren ausgelutschten Kaugummi auf das Pflaster, lehnte sich gegen die Friedhofsmauer und nahm ab.

„Was gibt’s, Zicke?“, fragte sie und betrachtete ihre Fingernägel. Es war bald an der Zeit für eine Maniküre. „Ja, ich bin fast da. Wenn Du nicht nerven würdest, hätte ich die Sache längst erledigt.“ Sie warf die blonden Locken zurück und lachte verächtlich. „Ach komm, was ist schon dabei? In zehn Minuten bin ich zurück auf der Party.“ Sie lächelte boshaft. „Und dann wird Yannic seinen Wetteinsatz einlösen müssen, keine Frage.“

Sie klemmte das Handy zwischen Ohr und Schulter, fummelte einen neuen Kaugummi aus der Hosentasche. Ätzend die Dinger. Aber sie hatte ihrem Dad versprochen, mit dem Rauchen aufzuhören. Er hatte sie mit einem Mini Cooper zum 18. Geburtstag gelockt. So lange musste sie durchhalten.

„Ja klar, ich melde mich“, sagte sie und schob einen Streifen Kaugummi zwischen die Zähne. „Ciao!“ Sie tippte auf das Display, beendete so das Gespräch. „Dummbratze“, sagte sie. Sie ließ das Iphone zurück in die Tasche fallen.

Jolina stieß sich von der Mauer ab und ging zügig die letzten Meter bis zur Friedhofspforte. Eine selten dämliche Wette war das. Dachte Yannic wirklich, dass er sie mit so etwas einschüchtern konnte? Für so dumm hätte sie ihn nicht gehalten. Aber Yannic war süß, ein echtes Brett. Wenn er so eine Aktion brauchte, um auf sie abzufahren, bitte.

Jolina stieß das Friedhofstor auf. Es öffnete sich quietschend. Dunkel lag das parkähnliche,von Bäumen bestandene Gelände vor ihr. Ein kalter Hauch wehte ihr entgegen. Der Ruf eines Käuzchens erklang in einem der Bäume. Jolina verzog verächtlich die Lippen. „Was, echt jetzt? Noch mehr billiger Horrorfilm geht nicht, oder?“

Mit einem energischen Ruck schloss Jolina das Tor und machte sich auf den Weg. Der Kies knirschte unter ihren High Heels. Hoffentlich lohnte sich diese alberne Aktion wenigstens. Die Party war gut gewesen. Die Musik war angesagt, die Cocktails waren gratis und die Jungs heiß. Keiner war so heiß wie Yannic, ohne Frage. Leider wusste er das auch. Und er wusste, dass sie es wusste. Zu seinem Unglück wusste Jolina außerdem, dass er tierisch auf sie abfuhr. Sein dämlicher Kumpel hatte es Cheyenne gesagt, und ihre Freundin hatte es natürlich sofort weitererzählt.

Jolina blieb mit dem Absatz hängen, kam ins Stolpern und legte sich beinahe hin. Sie fluchte, hob den verlorenen Schuh auf und unterzog ihn sofort einer genauen Kontrolle. Zum Glück war der Absatz in Ordnung. Wenn ihre neuen Manolos unter dieser Schnapsidee zu leiden hatten, würde Yannic dafür büßen.

Die Hand auf einen der Grabsteine abgestützt, zog Jolina den Schuh wieder an. Eine leichte Bewegung an ihrem kleinen Finger ließ sie hinschauen. Neben ihrer Hand saß eine Maus auf dem Marmor und starrte sie an.

Jolina quietschte, holte aus und fegte die Maus mit dem Handrücken von dem Grabstein. Das Tier prallte gegen einen nahen Baum und fiel reglos ins hohe Gras. Jolina schnaufte tief. Sie holte mit spitzen Fingern ein Feuchtigkeitstuch aus ihrer Tasche und wischte sich angeekelt die Hand ab. „Also echt, das ist doch nicht wahr!“ Oh ja, Yannic würde bezahlen. Essen, Kino, Popcorn. Das war das Mindeste.

„It’s hard, it’s hard, it’s hard out here for a bitch, it’s hard…“

Jolina zuckte zusammen. Schon wieder das Handy. Sie holte das iPhone heraus und nahm das Gespräch an, ohne auf das Display zu schauen. „Cheyenne, du Hohlbirne, ich hab doch gesagt, ich melde mich, wenn…“

Sie verstummte. Ihre Nasenflügel bebten leicht. „Oh, Paps, sorry. Ich dachte, es wäre Cheyenne…“ Sie ließ das Feuchttuch achtlos zu Boden fallen. „Natürlich bin ich mit Cheyenne unterwegs. Sie ist nur… gerade mit ein paar Kumpels zur Tanke gefahren. Sie kommt bestimmt gleich wieder.“

Jolina sah sich unbehaglich um. „Ich bin im Garten. Frische Luft schnappen. Nein, Paps, ich hab’s dir doch versprochen, ich rauche nicht mehr.“

Es folgte eine minutenlange Rede ihres Vaters, die sie nur zu gut kannte. Jolina schaltete ihre Ohren auf Durchzug und beschränkte sich darauf, gelegentlich „Hm“ und „Klar“ zu murmeln. Sie sah sich um. Auf dem Grabstein, auf dem die Maus gesessen hatte, stand in goldenen Buchstaben Helene – Was wir lieben, ist geblieben, bleibt in Ewigkeit.

Was für ein Kitsch, dachte Jolina. Ein einzelnes Wort, eine Frage ihres Vaters, drang zu ihr durch. „Aber sicher war ich auf dem Friedhof. Ich hab doch versprochen, nach Mamas Grab zu sehen.“ Das war nicht gelogen, dachte Jolina. Immerhin war sie hier. Wenn auch aus anderen Gründen.

„Paps, ich muss jetzt Schluss machen. Ja klar, spätestens um eins. Tschüß!“

Jolina sah auf das Dispay. Sie erschrak. Sie hatte schon viel zu lange gebraucht. Yannic würde noch denken, dass sie Schiss bekommen hatte. Sie musste sich beeilen und endlich das verdammte Foto machen.

Ein Friedhofs-Selfie – wer war nur auf diese idiotische Idee gekommen? Yannic garantiert nicht, dazu war er nicht clever genug. Bestimmt hatte er die Idee aus Facebook oder von Youtube.

Kurz gerieten Jolinas Schritte ins Stocken. Hatte Yannic sie vielleicht gar nicht zu der Mutprobe aufgefordert, weil er sie scharf fand, sondern weil sie zufällig eine tote Mutter auf dem Friedhof hatte?

Das Käuzchen stieß erneut seinen klagenden Schrei aus. „Halts Maul!“, sagte Jolina. Entschlossen ging sie weiter. Nein, das würde er nicht wagen. Niemand würde es wagen, so mit Jolina umzuspringen. Sie war schließlich nicht irgendwer.

Das Grab ihrer Mutter lag direkt hinter der Trauerhalle. Als sich Jolina näherte, wurde sie unwillkürlich wieder langsamer. Seit der Beerdigung vor einem halben Jahr war sie nicht hier gewesen. Damals war das Grab nur ein brauner Hügel, über und über mit Blumen und Kränzen bedeckt. Ihre Mutter war beliebt gewesen. Ein guter Mensch, sagte ihr Vater.

Jetzt leuchtete ein heller Gedenkstein am oberen Ende des Grabes im Mondlicht. Er war vor einigen Tagen erst gesetzt worden. Deswegen hatte ihr Vater sie aufgefordert, herzukommen. Hinter dem Grab stand auf einem Podest ein steinerner Engel. Er starrte Jolina anklagend aus pupillenlosen Augen entgegen.

Die letzten Meter bis zum Grab musste sie sich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Schrift auf dem Grabstein ihrer Mutter war nicht golden, sondern in schlichten schwarzen Buchstaben gehalten. In Erinnerung an Ellen – geliebte Ehefrau und Mutter. Daneben ein ovales Bild in einem Rahmen. Es zeigte eine hübsche, dunkelhaarige Frau mit einem sanften Lächeln. Jolina hatte ihrer Mutter nie sehr ähnlich gesehen. Sie kam mehr nach ihrem Vater.

Die Schrift und das Bild waren auf der linken Seite aufgebracht. Die rechte Seite war freigelassen worden. Eines Tages sollten dort Paps‘ Lebensdaten stehen. Es war ein Doppelgrab.

„It’s hard, it’s hard, it’s hard out here for a bitch it’s hard…“ Jolina zuckte zusammen und hätte beinahe das vibrierende iPhone fallen gelassen. Sie riss es an ihr Ohr und fauchte: „Was?“

Sie drehte sich um, um das Bild ihrer Mutter während des Gesprächs nicht vor Augen zu haben. Ihre Stimme wurde sanfter,  gurrend. „Yannic, Baby, ich bin total adrenalisiert. Ich war gerade dabei, das Selfie zu posten. Also behalt mein Facebook-Profil schön im Blick, klar?“ Sie lachte gekünstelt. „Ich weiß nicht, was ihr wollt, es ist eine total coole Location. Die nächste Party schmeißen wir hier.“

Ohne sich zu verabschieden legte Jolina auf. Sie steckte das Handy kurz weg, um in ihrem Kosmetikspiegel Make-up und Frisur zu überprüfen. Wenn sie diesen Mist schon postete, dann wollte sie auch ein Burner sein. Sie stellte sich in Position, setzte ihr Duckface auf und hob den Arm. Mit einem leisen Klick-Ton, der altmodisch klang aber aus den winzigen iPhone-Boxen kam, war das Selfie geschossen.

Rasant flogen Jolinas Finger über die Eingabefelder. Innerhalb von Sekunden hatte sie das Bild gepostet, getwittert und per Whatsapp an alle ihre Kontakte geschickt. Sie atmete auf. Diese Wette hatte sie klar gewonnen.

Jolina wollte das Handy wegstecken, als ihr Blick nochmals auf das soeben geschossene Foto fiel. Sie kniff die Augen zusammen. Irgendetwas stimmte nicht. Auf dem Bild war hinter ihr der Grabstein zu sehen. Mit Zeige- und Mittelfinger zoomte sie heran. Ihre Augen weiteten sich entsetzt. „Nein“, stammelte sie.

Das iPhone entglitt ihren Fingern und schlug hart auf den Kies auf. Die Absätze der Manolos brachen ab, als Jolina davonrannte. Vor dem Grab ihrer Mutter lag das iPhone und vibrierte leicht. „It’s hard, it’s hard, it’s hard out here for a bitch it’s hard…“

Nach einer Minute verstummte der Klingelton und im Display erschien Jolinas Facebook-Profil. Der aktuelle Status zeigte sie vor einem Grab. Auf der rechten Seite des Gedenksteines stand: In Erinnerung an Jolina – geliebte Tochter und gute Freundin. Darunter angebracht war das Portraitfoto eines hübschen Mädchens mit blonden Locken. Der Eintrag hatte bereits über 20 Likes.

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Basteln mit Blättern und Stickern

 

Pünktlich zum Herbst  legt der Verlag Beltz & Gelberg den zweiten Grüffelo-Naturführer vor. Übersetzerin des Büchleins von Axel Scheffler und Julia Donaldson ist erneut Fabienne Pfeiffer.

Wie auch schon der erste „Naturführer“ des berühmten Monsters führt auch dieser über 200 Sticker mit, die in den Heftchen und während der „Forschungsaufträge“ zum Einsatz kommen. Hier gilt es zum Beispiel, Herbstboten wie Eicheln, rote Blätter oder Igel zu entdecken. Ganz viele Spielideen gibt es für bunte Blätter: Ob mit den Stickern ein Blätterbaum verziert oder mit echten Blättern richtige Kunst gestaltet wird, bleibt dabei den kleinen Forschern überlassen. Neben originellen Bastelideen und Platz zum Malen und Eintragen gibt es reichlich Infos zu den Bäumen – so zum Beispiel den Grund, warum sie im Herbst ihre Blätter überhaupt verlieren. Weitere Seiten beschäftigen sich mit Beeren, Samen, Nüssen, Pilzen und Insekten. Kleines Manko: Hier wäre es sicher gut gewesen, den Kindern zu erklären, welche Früchte giftig sind und welche nicht. Allerdings steht ganz vorne im Büchlein die Warnung, unbekannte Beeren und Pilze überhaupt nicht zu essen.

Wie schon der erste Naturführer ist auch die Herbstvariante eine schöne Idee für Grüffelo-Fans. Die bekannten Figuren der Geschichte begleiten durch das Kreativbuch, und Sticker finden Kinder immer toll. Eine nette Idee, um kleine Stubenhocker auch bei Herbstwetter ins Freie zu locken.

 

„Der Grüffelo Naturführer Herbst“ ist bei Beltz & Gelberg erschienen.

 

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„Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

Vater Wolf findet unter einem Strauch ein kleines, rosiges Tier: ein Menschenjunges. Er bringt ihn in seine Höhle, wo Mutter Wolf beschließt, ihn gemeinsam mit ihren Welpen groß zu ziehen. Sie verteidigen ihn gegen den bösen Tiger Schir Khan, der den kleinen Jungen als Beute für sich beansprucht – und auch gegen die anderen Wölfe, die den Menschen zunächst nicht als einen der ihren akzeptieren wollen. Der Bär Balu und die Pantherin Baghira sprechen jedoch für ihn, und so darf der Junge, der fortan Mogli (Kleiner Frosch) genannt wird, bei den Wölfen bleiben. Von seinen Beschützern Balu und Baghira lernt er die Gesetze des Dschungels. Als der Anführer der Wölfe, Akela, jedoch älter wird und ihn nicht mehr beschützen kann, wird Mogli von dem Rudel verstoßen. Er kehrt zu den Menschen zurück, doch dort wird er auch nicht glücklich und muss sich schließlich dem Gesetz des Dschungels stellen.

 

Xavier Deutschs Neubearbeitung des englischen Klassikers von Rudyard Kipling (aus dem Französischen übersetzt von Ursula Held) ist nicht mit der Disney-Version des Stoffes zu vergleichen. Dafür ist der Tonfall zu ernst, die Geschichte mehr Entwicklungsgeschichte als Komödie. Genau wie Disney behandelt Grébans aber nur die ersten drei Kapitel des Original Dschungelbuchs – jene, die sich um Mogli drehen. Er endet jedoch nicht mit Moglis Rückkehr zu den Menschen, sonder erzählt zumindest die Geschichte des Menschenjungen bis zum Schluss, eben bis er wieder in den Dschungel zurückkehrt und den intriganten und neidischen Menschen den Rücken zukehrt. Kein leichter Stoff für Kinder, deswegen ist das Buch auch eher für ältere Schulkinder geeignet, die bereits sehr gut lesen können. Etwas rätselhaft bleibt, warum der im Original männliche Panther Baghira hier zu einem weiblichen Tier wird – wahrscheinlich ist dies der Übersetzung geschuldet.

Sehr gelungen sind die Illustrationen von Quentin Gréban, der sich zwar an den Disney-Motiven orientiert (wie vor allem an Mogli deutlich wird) aber bei den Zeichnungen einen ganz eigenen Charme entwickelt.

 

Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling ist im KERLE-Verlag erschienen.

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„Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt“

reisezumendederweltEin Helmsley zu sein, ist nicht einfach – das lernt Archer ziemlich schnell. Seine Großeltern sind berühmte Forscher und ständig unterwegs. Kennengelernt hat er sie noch nie persönlich – stattdessen bekommt er Briefe und Päckchen, und das Haus seiner Großeltern, in dem Archer mit seinen Eltern lebt, steckt ebenfalls voller Zauber und Wunder, die an die Großeltern erinnern. Archer will auch ein Abenteuer erleben, doch seine Mutter hält nicht viel davon. Als die Nachricht um die Welt geht, dass Archers Großeltern bei einer Antarktis-Expedition verschollen sind, scheint das Leben für Archer noch trister zu werden. Seine Mutter lässt ihn nun gar nicht mehr das Haus verlassen, außer um zur Schule zu gehen. Dort ist es dank der bösartigen Lehrerin Mrs Murkley auch nicht gerade angenehm. Zu Archers Glück findet er Freunde: den ängstlichen Oliver und Adélaide, die bei einem Kampf gegen Krokodile ein Bein verloren hat. Gemeinsam mit den beiden entwickelt Archer Helmsley einen tollkühnen Plan, um seine Großeltern bei einer Reise zum Ende der Welt aufzuspüren und sie zurückzuholen.

 

Nicholas Gannons Debütroman wartet mit einem Trio ungewöhnlicher Protagonisten auf: Weder der etwas verschrobene Archer, noch Oliver, der wenn er es eilig hat mit geschlossenen Augen rennt, oder Adélaide, die, wenn es um ihr Holzbein geht, zu Lügengeschichten greift, sind typische Helden. Genau das macht sie sehr liebenswert, und der Leser fiebert mit ihnen der großen Reise entgegen und ahnt doch gleichzeitig, dass ihr Plan niemals funktionieren kann. Der Roman wartet mit zahlreichen Geheimnissen auf und bleibt bis zum Schluss spannend. Schade, dass nicht alles aufgelöst und stattdessen auf eine Fortsetzung im Jahr 2017 verwiesen wird. Andererseits ist die Aussicht auf weitere Abenteuer mit Archer Helsmles auch nicht schlecht.

 

„Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt“ von Nicholas Gannon ist bei Coppenrath erschienen.

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Phase 2

Am 19. Oktober ist Projekt Mami Phase 2 gestartet. Eigentlich ja schon neun Monate vorher. Wenn man es ganz genau nimmt, wird es mit der Umsetzung von zwei Kindern und Arbeitsalltag in einer Redaktion auch noch eine Weile dauern – zumindest bis 2017…

Aber die Umstände haben sich seit Beginn von Projekt Mami schließlich etwas geändert. Eine Redakteurin kann Elternzeit nehmen. Als Autorin ist es schon mit dem Mutterschutz und dem damit einhergehenden Beschäftigungsverbot nicht ganz so einfach. Denn sag meinem Kopf mal, dass er bis Weihnachten Ruhe zu halten hat. Klar: Geht nicht. Gerade, wenn so schöne Phasen wie Stillen hinzukommen, in denen ich sehr viel Zeit zum Nachdenken habe.

Jaja, natürlich genieße ich es auch, mein Kätzchen dabei zu beobachten und mich an seiner natürlichen Niedlichkeit zu erfreuen. Aber das Kätzchen trinkt oft und gerne und lange. Da schweifen die Gedanken spätestens bei der dritten Stillsitzung des Tages auch gerne ab zu meinen geistigen Kindern. Mit der Muttermilch sprudeln sozusagen auch die Ideen.

Dazu kommt, dass das Kätzchen nicht nur ein Säugling, sondern auch ein Tragling ist. Will heißen: Schlafen am liebsten bei Mama auf dem Arm, der Brust oder dem Bauch. Noch mehr Zeit, in der man viel Kreativität ausleben kann.img_5484

Es ist ja auch nicht so, dass ich nichts zu schreiben hätte. Einerseits, weil ich immer wieder und wieder und WIEDER gefragt werde, wann denn Teil drei der Kinzigtaltrilogie erscheint. Andererseits gibt es noch weitere Projekte, die auf ihre Umsetzung warten und Expos, die mir in den Fingern kribbeln. Da kann ich nicht anders, als hin und wieder doch mal zum Laptop zu greifen. Und erstaunlicherweise sind Laptop und Kätzchen kompatibel. Noch…

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„Der magische Blumenladen: Ein Geheimnis kommt selten allein“

blumenladen

 

Violet liebt den Blumenladen ihrer Tante Abigail – und nun darf sie sogar dort übernachten. Doch während sie sich darauf freut, platzt eine Kundin in den Laden, die mit dem seltsamen Passwort „Pimpernelle“ alles durcheinanderbringt. Tante Abigail muss plötzlich abreisen, und eigentlich soll Violet nach Hause zurückkehren – stattdessen beschließt sie jedoch, mit ihren Freunden, den Zwillingen Jack und Zack, im Haus der Tante zu übernachten. Dort stößt sie auf ein seltsames Buch, in dem noch seltsamere Pflanzen zu finden sind, die dreidimensional über den Seiten schweben, merkwürdig duften und skurille Namen haben – allerdings kann nur Violet diese seltsame Darstellung wahrnehmen. Im Garten der Tante finden sich auch prompt einige der seltsamen Gewächse. Und als die Drei erfahren, dass sie einem verliebten Lehrer mit einem Liebeszauber vielleicht auf die Sprünge helfen könnten, wollen sie diese Magie unbedingt ausprobieren. Doch natürlich geht das alles andere als glatt…

Der Auftakt der Serie „Der magische Blumenladen“ von Autorin Gina Mayer wartet mit den zeitgenössischen Zutaten eines phantastischen Kinderromanes auf: Die Protagonistin ist ein Waisenkind mit mysteriöser Vergangenheit und einem mutmaßlich zauberhaften Erbe, dem sie Schritt für Schritt auf die Schliche kommt – und natürlich sind am Ende des Buches mehr Fragen offen als Geheimnisse aufgeklärt. Ein Rezept, das nach wie vor gut funktioniert und in diesem Fall durch die „Zutat“ Pflanzen bereichert wird. Die Protagonisten bleiben im ersten Band etwas flach, aber sie haben ja noch Zeit, um Tiefe zu entwickeln.

Besonders gelungen sind die Illustrationen der aus Hanau stammenden Künstlerin Joëlle Tourlonias, die dem Buch eine besondere Note geben.

Die Künstlerin wird übrigens am 18. Oktober zu einer Signierstunde in die Langenselbolder Buchhandlung Büchermeer.

 

„Der magische Blumenladen: Ein Geheimnis kommt selten allein“ von Gina Mayer ist bei Ravensburger erschienen.

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Klassik Hits zum Träumen – Murmels kleine Nachtmusik

Jeden Abend hören Paul, seine Schwester Paula, seine Eltern und Kuscheltier Murmel vor dem Einschlafen noch ein Musikstück und erfinden zur Musik eine Geschichte. So stellt Paul sich zur Mondscheinsonate eine nächtliche Landschaft vor, oder verwandelt sich zu Modest Mussorgskis „Das alte Schloss“ in einen König. Auch spielt Paul Musikdetektiv und versucht, Instrumente aus den Stücken herauszuhören und fliegt zu Mozarts „Andante“ im Heißluftballon in die Wolken. Auch der Klassiker „Guten Abend, gute Nacht“ darf nicht fehlen, wenn Paul und Murmel schlafen gehen.

 

klassikhits Das Buch gehört zur Reihe „Klingende Bilderbücher“ von Marko Simsa und Silke Brix – bei diesen Büchern liegt auch eine CD bei, die Worte und Ilustrationen ergänzt. Passend zu jeder kurzen Textpassage gibt es ein klassisches Musikstück, was zu einem besonderen Hörerlebnis führt. Auch Kinder, die mit Klassik normalerweise nicht viel anfangen können, werden so an das Thema herangeführt. Weitere Teile der Reihe sind unter anderem „Mozart für Kinder“ und „Der Nussknacker“.

 

„Klassik Hits zum Träumen – Murmels kleine Nachtmusik“ von Marko Simsa und Silke Brix ist bei Jumbo erschienen.

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Kein kindgerechter Klassiker

Am Weihnachtsabend schließt die kleine Marie einen Nussknacker in ihr Herz, den ihr Bruder Fritz ungestüm misshandelt hat. Um Mitternacht wird sie Zeuge, wie dieser Nussknacker eine Armee von Spielzeugsoldaten gegen einen siebenköpfigen Mäusekönig und seine Mäusearmee anführt. Sie hilft dem Nussknacker, indem sie einen Pantoffel in das Getümmel wirft und findet sich kurz darauf in einem Spielzeugland wieder. Der Nussknacker hat sich in einen „feschen jungen Mann“ verwandelt, und gemeinsam erkunden sie das märchenhafte Land.

„Nussknacker und Mausekönig“ ist mit Sicherheit eine der bezauberndsten Weihnachtsgeschichten der deutschsprachigen Literatur. Das Original stammt aus der Feder von E.T.A. Hoffmann. Im Verlag minedition liegt eine Nacherzählung von Renate Raecke vor, die Bilder dazu hat Yana Sedova gestaltet. Die fantastischen, fast traumartigen Bilder sind denn auch für das Buch maßgeblich und lassen es zu einem kleinen Kunstwerk werden. Inhaltlich hingegen ist das Buch etwas enttäuschend. Zu verkürzt ist die Geschichte nacherzählt, als dass sie für Kinder verständlich wäre. Die Sprache ist kaum für kindliche Leser geeignet, die mit Ausdrücken wie „fesch“ wohl wenig anfangen können. Das Ende wirkt wie abgeschnitten, da Marie und der Nussknacker (dessen Rückverwandlung in einen Menschen für Leser ohne Kenntnis des Originals nicht nachvollziehbar ist) schlicht und einfach im Märchenland verbleiben. Fazit: Optisch ist das Bilderbuch durchaus ansprechend, aber es handelt sich keinesfalls um eine kindgerechte Version des Klassikers.

 

Nussknacker und Mausekönig“ von Renate Raecke ist bei minedition erschienen.

 

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Blick in einen Mikrokosmos

Der Ameisenjunge Ferdinand hat zunächst Pech: Er verirrt sich und finden seinen Ameisenhaufen nicht wieder. Doch dann trifft er auf eine junge Ameisenmutter und hilft ihr, einen neuen Ameisenhaufen zu begründen. Das ist gar nicht so leicht, denn in der Nähe befinden sich Sklavenhändler, die die Eier stehlen wollen. Aber Ferdinand beschützt die Larven, aus denen schließlich Soldaten, Arbeiter, Ammen und all jene Ameisen werden, die zu einem richtigen Ameisenhaufen gehören. Dennoch bleibt die Bedrohung durch die benachbarten Sklavenhändler bestehen, und Ferdinand und seine Freunde müssen sich immer wieder etwas einfallen lassen, um sich zu wehren.

Wer sich für dieses Buch interessiert, sollte zunächst wissen, dass es sich um einen Klassiker von Ondřej Sekora handelt, dessen Bücher über die Ameise Ferdinand in Tschechien jedes Kind kennt. Die Erstauflage erschien bereits 1933. Vor diesem Hintergrund bekommen die Geschichten von den fleißigen Ameisen und den gierigen Sklavenhändlern in der Nachbarschaft natürlich eine ganz andere Lesart. Doch die interessiert Kinder natürlich nicht. Für sie stellt die Geschichte um Ferdinand einen fantasievollen Blick in einen Mikrokosmos im Garten dar. Dazu tragen auch die reichhaltigen, leider nicht immer farbigen Illustrationen bei, in denen es allerlei zu entdecken gibt.

„Die tapferen Ameisen“ von Ondrej Sekora ist im Leipziger Kinderbuchverlag erschienen.

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Party in Geburtstanien

Eddi Eichhorn ist Musikreporter und der Nachbar von See-Pferd und Meer-Schwein. Bei denen kommt eines Tages ein sehr trauriges, rumpelndes und quietschendes Geburtstagsdings über die Wiese gelaufen. Es erklärt den Freunden, dass es aus dem Land Geburtstanien kommt, wo jeder jeden Tag Geburtstag hat. Weil es aber nur ein Geburtstagslied spielen kann – „Happy Birthday“ nämlich – wurde das dem König Celebratus dem Allerältesten zu langweilig. Darüber wurde das Geburtstagsdings so traurig, dass es weinend das Land verließ. Und durch seine Tränen sind nun auch noch seine Instrumente völlig verrostet. Zumindest dabei können Eddi, Meer-Schwein und See-Pferd helfen: Sie putzen die Instrumente sauber und „Happy Birthday“ klingt wieder schön.

Doch auch ihnen wird das Lied bald langweilig. Nun weiß das Krokodil Rat. Es hat bei seinem Großonkel SingSong in Asien bereits andere Musikdingser gesehen und weiß, dass man neue Lieder auf Papierrollen notieren und dem Musikdings unter den Hut stecken muss. Also suchen die Freunde viele verschiedene Geburtstagslieder: „Viel Glück und viel Segen“, „Bon Anniversaire“, „Am Fenster heute Morgen“ und noch einige andere werden aufgeschrieben und unter den Hut gesteckt. Nun kann das Geburtstagsdings ganz viele Lieder spielen. Und als König Celebratus der Allerälteste mit seinem Hubschrauber kommt und alle nach Geburtstanien einlädt, steht einem rauschenden Fest nichts mehr im Weg.

Die Geschichte ist, gelinde gesagt, verrückt. Und deswegen kommt sie bei Kindern super an. Die gelungenen, bunten und wimmeligen Illustrationen, zu denen auch Sprechblasen gehören, tragen ihren Teil dazu bei, dass die Geschichte mehr als ein Mal vorgelesen werden muss. Außerdem gehört eine CD zum Buch, auf der die Geburtstagslieder – die sich hinten auch mit Text und Noten finden – witzig dargeboten enthalten sind. Klare Lesempfehlung, und das nicht nur am Geburtstag.

 „Eddi Eichhorn und das unglaubliche Geburtstagsdings“ von Franziska Biemann und Nils Kacirek ist im Carlsen-Verlag erschienen.

 

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Märchenhafter Klassiker

Wenn es um Klassik für Kinder geht, ist Marko Simsa der Richtige. Im Jumbo-Verlag hat er bereits mehreren „klingenden Kinderbüchern“ seine unverwechselbare Stimme für die beiliegende CD geliehen, ebenso wie Silke Brix für die Optik verantwortlich ist. Nach der Oper von Engelbert Humperdinck erzählt er hier die Geschichte von Hänsel und Gretel. Dabei macht der Rahmen deutlich, dass es sich um eine Inszenierung  handelt, denn es wird beschrieben, dass sich der Vorhang hebt und das Publikum applaudiert. Während der eigentlichen Geschichte lässt Simsa die kleinen Zuhörer und Leser aber ganz tief in das Märchen eintauchen. Die bekannten Melodien der Oper – zum Beispiel „Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh“ oder „Ein Männlein steht im Walde“ verzaubern dabei ebenso wie die Stücke, die nur Kennern von Humperdincks Werk bekannt sind.

Die „klingenden Kinderbücher“ aus dem Jumbo-Verlag sind immer wieder eine Bereicherung für diejenigen, die etwas Kultur ins Kinderzimmer einziehen lassen wollen: Einfühlsam und kindgerecht bringt Marko Simsa nicht nur die Märchenoper dem jungen Publikum näher, sondern auch das „Drumherum“, das zu einem Besuch im Opernhaus gehört. Die schönen Illustrationen ergänzen das Gesamtpaket perfekt.

„Hänsel und Gretel. Nach der Oper von Engelbert Humperdinck“ ist im Jumbo-Verlag erschienen.

 

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Geschichten von Kindern für Kinder

Eine achtzig Jahre alte Eintagsfliege. Ein trauriges Ohr. Ein schlecht gelauntes Grumpfidumpfi. Das sind nur einige der Protagonisten aus der Sammlung „Der Pinguin mit der Filtertüte“. All die komischen Geschichten darin sind von Kindern für Kinder geschrieben worden, entstanden in Schreibwerkstätten von Drittklässlern. Andreas Röckener hat sie gesammelt und veröffentlicht. Diie kurzen, unterhaltsamen Texte sprühen vor Fantasie. Da geht es zum Beispiel um den kleinen Pinguin, der mit einer Filtertüte auf dem Kopf um die ganze Welt reist, oder um ein  Faultier, das Lesen lernen soll. Wer sich schon immer gefragt hat, wie viel Beine die Kinder von einem Käfer und einer Spinne haben, findet hier eine Antwort. Ebenso wird die Frage geklärt, wie eine Begegnung zwischen King Kong und einem T-Rex verläuft – vor allem, wenn James Bond auch noch dabei mitmischt.

Der Untertitel des Buches lautet „und andere komische Geschichten“. Dies ist etwas verwirrend, denn nicht alle Geschichten sind komisch im Sinne von lustig. Es sind auch nachdenkliche darunter, ebenso wie traurige oder skurille. Eines sind sie aber alle: lesenswert.

„Der Pinguin mit der Filtertüte“ ist im Verlag Razamba erschienen.

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Kleine rote Männchen

Es ist Nacht im Donnerwald. Nur Räuberhauptmann Donnerpups und der strohblonde Robin sehen die Sternschnuppe, die plötzlich immer näher kommt und schließlich krachend in den Wald stürzt. Schnell sind auch die anderen Räuber aufgeweckt, und alle begutachten das abgestürzte UFO und die drei kleinen roten Männchen. Donnerpups erklärt die Außerirdischen ratz-fatz zu Gefangenen und lässt Robin eine Schubkarre holen, um das Ufo abzutransportieren. Doch die roten Männchen setzen sich zur Wehr und schrumpfen die Bande von Donnerpups  kurzerhand zu Mini-Räubern zusammen. Sie wollen sie mit auf ihren Planeten nehmen und dort im Museum ausstellen. Zum Glück gibt es da noch Robin, der für die Rettung sorgt und den Räuberhauptmann dazu bringt, seinen Donnerpups loszulassen.

Die Fortsetzung von „Der wilde Räuber Donnerpups“ ist fast genau so gut wie der erste Teil, wobei sie natürlich durch das UFO einen fantastischen Teil enthält.  Besonders toll für die kleinen Leser ist, dass ausgerechnet Robin, das Kind in der Räuberbande, die Rettung vor den Außerirdischen bringt. Die Illustrationen und Texte von Walko sind frech und gelungen, und mancher kleine Räuber flucht schon bald voller Freude „Himmel, Arm und Zwirn!“

Der wilde Räuber Donnerpups. Überfall aus dem All“ von Walko ist bei Coppenrath erschienen.

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