Ein Weihnachtsmärchen aus dem historischen Kinzigtal

Mit einem lautstarken „Fröhliche Weihnachten“ komme ich hinter dem zweiten Türchen des Autoren-Adventskalenders (www.autoren-adventskalender.de)  hervorgesprungen und habe Euch eine kleine Überraschung mitgebracht: eine Weihnachtsgeschichte mit einigen Eurer Lieblinge aus der Kinzigtaltrilogie – ich gebe zu, etwas ungewohnt auf Projekt Mami – aber Ihr habt ja bestimmt nichts dagegen 😉

Wer die Romantrilogie noch nicht kennt, hat übrigens am 10.12.  über den Adventskalender und die liebe Katja Zusset die Chance, sie näher kennenzulernen…

Ach, und noch ein Hinweis: Auf http://www.tanjabruske.de findet Ihr ein weihnachtliches Gewinnspiel!

 

Eine wunderschöne Adventszeit, meine Lieben!

Der Lauscher im Baum

Die Rinde der Eiche war eiskalt und die Borke schnitt in seine Finger, während er sich am Stamm festklammerte. Und jetzt begann es auch noch zu schneien. Der Mann, der sich Raben-Stephan nannte, stieß einen Fluch aus – lautlos, denn schließlich war er gerade dabei, sich zu verstecken. Er war nicht drei Meter hoch auf diesen verdammten Baum geklettert, um sich dann durch ein unbedachtes Wort zu verraten. Er schob sich weiter in die Höhe und setzte sich vorsichtig auf einen stabil wirkenden Ast – ob das Gehölz wirklich so stabil war, wie es im bleichen Sternenlicht wirkte, würde der Raben-Stephan wohl auf die harte Tour herausfinden müssen.
Sobald er sicher war, dass ihn der Ast zumindest vorerst tragen würde, tastete er nach seinem Beutel. Er atmete auf, als er die harte Kontur der kleinen Kiste darin erspürte. Es wäre eine Schande gewesen, wenn er bei diesem absurden Abenteuer das, weswegen er eigentlich gekommen war, im Dunkel der Dezembernacht verloren hätte. Eine Schande, und überaus ärgerlich. Schließlich hatte das Kistlein über fünf Jahre in seinem Versteck ausgeharrt und auf ihn gewartet. Da wäre es doch allzu schade, wenn diese Warterei umsonst gewesen wäre.
Als der Raben-Stephan aus Steinau an der Straße hatte verschwinden müssen – eigentlich war es noch gar nicht so lange her – , war das etwas überstürzt geschehen. Und er hatte nicht nur möglichst viel Raum zwischen sich und das Städtchen gebracht. 1791 war das gewesen. Nun schrieb man das Jahr 1796, und die Zeiten hatten sich geändert. Das hatte der Raben-Stephan zumindest in seinem ehemaligen Hauptquartier im Huttengrund gehört. Der Amtmann, der damals ein Kopfgeld auf die Ergreifung des Raben-Stephan ausgesetzt hatte, war Anfang des Jahres gestorben. Sein Nachfolger hatte wenig Ahnung von dem, was damals geschehen war. Das behaupteten zumindest die ehemaligen Kumpane, mit denen der Raben-Stephan gesprochen hatte.
Trotzdem – in die Stadt hinein wagte sich der ehemalige Spessart-Räuber doch nicht. Vielleicht kannte der ein oder andere noch sein Gesicht. Sein Verschwinden war nicht eben unauffällig vonstatten gegangen.
Aber es war auch gar nicht nötig gewesen, die Stadt aufzusuchen. Der Raben-Stephan hatte seine kleine Kiste damals wohlüberlegt im Wald, nahe des Krugbaus, versteckt. Er hatte sie unter einer großen Wurzel vergraben. Sie war auffällig genug, damit er sie wiederfinden konnte, aber nicht so auffällig, dass jemand anderes auf die Idee kommen könnte, dass sich dort etwas Wertvolles verbarg.
Aber wer sollte auch darauf kommen? Der Raben-Stephan hatte niemandem von seiner Kiste erzählt. Im Huttengrund hatte die Obrigkeit wohl damals alles auf den Kopf gestellt, um seinen Anteil an der Beute zu finden. Doch er war nicht so dumm gewesen, sie in der Nähe seines Unterschlupfes zu verbergen.
Allerdings hatte er nun vielleicht einen Fehler gemacht. Im Huttengrund aufzutauchen, hatte nach all den Jahren für mehr Aufsehen gesorgt, als ihm lieb war. Trotzdem hatte er gedacht, dass ihm niemand nach Steinau gefolgt war – bis er, bereits auf dem Rückweg, das verräterische Knacken im Unterholz hörte. Was dazu geführt hatte, dass er nun in der alten Eiche saß und hinunter spähte.
Mochte der Teufel wissen, wer sich am Abend vor Weihnachten im Wald herumtrieb. Der Raben-Stephan hoffte nur, dass es niemand aus dem Huttengrund war. Er hatte gewartet, bis es dunkel war, aber eigentlich war es noch nicht spät am Abend – das Geläut der Katharinenkirche hatte vor wenigen Minuten die achte Stunde verkündet.
Um so erstaunter war der Raben-Stephan, als er vier kleine Gestalten zwischen den Bäumen hervorstapfen sah.
Kinder!, durchfuhr es ihn. Was treiben die um diese Zeit im Wald?
Die Sterne leuchteten hell und klar in der Winternacht, und Raben-Stephan konnte die schmalen, blassen Gesichter deutlich erkennen. Es waren drei Jungen – vielleicht zehn, elf Jahre alt – und ein kleines Mädchen von etwa drei Jahren. Die Jungen unterhielten sich flüsternd, und sie wären sicher einfach an der Eiche vorbei gegangen. Doch plötzlich stemmte das kleine Mädchen die Füßchen in die Erde.
„Ich mag nicht weitergehen!“, erklärte sie, und die helle Kinderstimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.
Der größte der Jungen seufzte. „Lotte, du hast versprochen, brav zu sein, wenn wir dich mitnehmen.“
„Ich bin brav“, sagte das Mädchen mit unschuldigem Augenaufschlag.
„Nein, bist du nicht, und das Christkind bringt dir bestimmt morgen deswegen überhaupt keine Geschenke“, fuhr der kleinste der Buben das Mädchen an.
Lotte streckte ihm die Zunge heraus. „Es bekommt gar keiner Geschenke, weil das Christkind dieses Jahr gar kein Geld hat. Auch du nicht, Ferdinand. „, fauchte sie.
Ungeduldig wandte sich der kleine Junge an die beiden Größeren. „Ich habe doch gleich gesagt, dass wir sie zu hause lassen sollten.“
„Und dann hätte sie Mutter verraten, dass wir in den Wald gegangen sind“, versetzte der große Junge. „Du weißt doch, dass sie ihren Mund nicht halten kann.“
„Jakob hat recht – und sonst hätte sie Mutter nur unnötig Arbeit gemacht“, mischte sich der Junge ein, der bislang geschwiegen hatte. „Mutter hat ohnehin genug zu tun, jetzt wo die Tante…“ Der Junge verstummte und schluckte schwer. Der Große legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. „Ist schon gut, Wilhelm.“
Ein paar Sekunden schwiegen sie alle. Der Älteste, den der andere Jakob genannt hatte, sprach schließlich mit belegter Stimme weiter. „Wir wollen doch Mutter nicht zusätzlich belasten, wo sie sich doch heute um die Beerdigung und den Trösterkaffee und alles kümmern musste.“
Ferdinand hatte die Arme trotzig verschränkt, nickte aber. „Deswegen sind wir doch hier, oder?“ Er schwang betont unternehmungslustig eine kleine Axt.
„Pass auf damit“, warnte Wilhelm. „Wenn du sie verlierst, ist es aus mit unserem schlauen Plan.“
Der Raben-Stephan rückte ein Stückchen auf dem Ast hin- und her. Fast war er zornig, dass er sich nur wegen ein paar Kinder versteckt hatte. Andererseits war es aber wohl besser, wenn ihn wirklich gar niemand im Wald sah. Allerdings könnten sich die Blagen mal etwas beeilen, statt ein Schwätzchen zu halten. Er wollte schließlich nicht die ganze Nacht auf dem Baum hocken.
Doch die drei Jungen mussten beratschlagen, was sie mit der dickköpfigen Schwester anfangen sollten, die noch immer nicht weitergehen wollte.
„Meine Füße sind ganz müde und mir ist kalt“, sagte sie trotzig und verschränkte die Arme. Das glaubte der Raben-Stephan gerne: Zwar trug die Kleine einen braunen Wintermantel und ein gefüttertes Mützchen, doch darunter nur ein weißes Kleid, das ihm viel zu dünn für diese Jahreszeit vorkam.
„Aber wir müssen noch weiter“, beharrte Ferdinand. „Das Tannenwäldchen ist noch ein gutes Stück tiefer im Wald.“
„Dann gehen Jakob und ich eben alleine weiter und du gehst mit Lotte nach hause“, schlug Wilhelm vor.
Empört schüttelte Ferdinand den Kopf. „Nein, bestimmt nicht! Schließlich war ich es, den der Herr Eckhard gebeten hat, ihm einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Da will ich wohl auch dabei sein. Und ihr zwei alleine schafft es ohnehin nicht.“
„Das stimmt, alleine wird uns der Baum wohl zu schwer werden“, stimmte Jakob zu. Betrübt betrachtete er seine kleine Schwester – denn dass die Vier Geschwister sein mussten, war dem Raben-Stephan mittlerweile klar.
„Lotte, sei doch vernünftig“, appellierte nun Wilhelm an die etwa Dreijährige. „Der Wirt Eckhard wird uns den Baum gut bezahlen, so dass die Mutter zumindest einen Weihnachtsbraten kaufen kann.“
Lotte ließ sich auf einen umgestürzten Baumstamm plumpsen und baumelte mit den Beinen. „Ich warte hier auf euch“, sagte sie fröhlich.
„Das geht nicht“, sagte Jakob und schüttelte den Kopf. „Wir können dich hier nicht allein lassen.“
„Aber ich geh nicht weiter.“ Lotte blieb unerbittlich.
„Lass uns einfach schnell machen“, sagte Wilhelm schließlich nervös. „Wenn wir uns beeilen, sind wir in einer Viertelstunde wieder hier.“
Jakob war nicht überzeugt. „Ich weiß nicht. Wir können Lotte doch nicht einfach…“
Da riss Ferdinand der Geduldsfaden. „Ich gehe jetzt ohne euch“, sagte er wütend und schlug sich ins Unterholz.
So wie es aussieht, hat er vergessen, dass er alleine nicht in der Lage ist, den Weihnachtsbaum zu fällen und zu tragen, dachte Raben-Stephan halb amüsiert, halb wütend. Er wünschte wirklich, dass die Kinder endlich verschwanden – auch wenn er angesichts der traurigen Lage der Vier Mitleid empfand.
„Ferdinand, warte!“, rief Wilhelm erschrocken. Er warf Jakob einen auffordernden Blick zu und folgte dem kleineren Bruder. Jakob war anzusehen, dass er hin- und hergerissen war. Nach ein paar Sekunden des inneren Ringens hockte er sich zu Lotte, sah ihr beschwörend in die Augen und sagte: „Du rührst dich nicht von der Stelle, bis wir wieder da sind.“ Lotte nickte artig. Jakob griff in seine Tasche und holte etwas heraus, das in ein Taschentuch eingeschlagen war. „Hier ist ein Stück vom Trösterkuchen – aber verschling es nicht gleich, nur wenn du Hunger hast!“
Hastig sprang er auf und lief den Brüdern hinterher.
Der Raben-Stephan stöhnte leise. Sollte er nun wirklich noch mindestens eine Viertelstunde auf diesem Ast sitzen? Oder sollte er einfach hinunter klettern und darauf pfeifen, dass ein kleines Mädchen ihn sah? Mit viel Pech erschreckte er die Kleine so sehr, dass sie kopflos in den Wald rannte und sich verlief.
Nicht mein Problem, dachte er angesäuert. Was lassen diese törichten Buben ein so kleines Kind nachts alleine im Wald. Ich will jetzt endlich hier runter.
Lotte wippte vergnügt mit den Füßen und packte den Trösterkuchen aus. Es sah nicht so aus, als würde sie auf Jakob hören und mit dem Essen warten.
Schluss mit dem Unsinn. Ich klettere jetzt hinab, dachte der Raben-Stephan entschlossen.
Als er die Muskeln anspannte, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, raschelte es erneut im Unterholz. Der ehemalige Spessarträuber im Baum und das Kind darunter erstarrten gleichermaßen
Aus dem Wald trat ein anderes Kind.
Kurz war der Raben-Stephan erleichtert. Doch dann erkannte er den Jungen.
Das ist einer vom Borgener, durchfuhr es ihn. Verdammt. Der Borgener war einen von denen gewesen, mit denen er im Huttengrund gesprochen hatte. War sein alter Kumpan vom Krugbau vielleicht misstrauisch geworden und hatte ihn beschatten lassen?
„Wer bist du denn?“, fragte Lotte indessen unbekümmert. Der 13-Jährige vor ihr schien sie nicht zu beunruhigen. Wahrscheinlich dachte sie, dass von einem Jungen, der in einem ähnlichen Alter war wie ihre Brüder, keine Gefahr ausgehen konnte.
Dummerchen, dachte Raben-Stephan. Er wusste, dass man als Sohn eines Spessart-Räubers mit 13 Jahren schon lange kein unschuldiges Kind mehr war.
Doch er musste zugeben, dass der Junge, der dort unten stand, frierend und mit Augen, die in tiefen Höhlen lagen, nicht gerade furchterregend wirkte.
„Ich bin Philipp“, sagte er leise.
„;Mein Papa heißt auch Philipp“, sagte Lotte und biss in das Kuchenstück.
„Und wo ist dein Papa?“, fragte Philipp.
„Tot“, sagte Lotte unbekümmert.
„Das tut mir leid“, sagte Philipp.
„Das ist nicht schlimm. Tante Schlemmer ist jetzt auch tot. Im Himmel sehe ich sie wieder“, meinte Lotte.
Philipp sagte nichts. Seine Augen waren auf den Kuchen gerichtet.
„Wo ist denn dein Papa?“, fragte Lotte, die wohl dafür war, gleiche Voraussetzungen zu schaffen.
„Fort. Seit Tagen. Wir wissen auch nicht, wann er wiederkommt. Aber wir haben nichts mehr zu essen im Haus und auch kein Geld.“ Nach wie vor starrte Philipp auf den Kuchen.
Unwillkürlich spannte der Raben-Stephan sich an. Wie gesagt, er kannte Spessarträuber-Kinder.
„Oh!“ Lotte hatte gerade wieder in den Kuchen beißen wollen, doch nun hielt sie inne. Verständnis zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. „Hast Du Hunger?“ Nach kurzem Überlegen reichte sie dem Jungen ihren Kuchen. „Hier, den kannst du haben.“
Philipps Augen weiteten sich. Doch er schnappte sich ohne weitere Nachfrage den Kuchen und stopfte ihn sich in den Mund.
„Du bist wirklich sehr hungrig“, stellte Lotte mit einem erstaunten Ausdruck in der Stimme fest. Doch ehe sie noch mehr sagen konnte, war der Junge bereits wieder im Wald verschwunden.
Der Raben-Stephan hörte, wie sie etwas murmelte, das nach „Mutter hat gesagt, dass man immer ‚Auf Wiedersehen‘ sagen muss'“ klang. Er schmunzelte. Es wurde langsam Zeit für ihn, zu gehen. Er legte die Hände um den Ast, um sich hinabzulassen, als Schritte aus der Tiefe des Waldes zu hören waren. Der Raben-Stephan hielt inne. Vielleicht waren Lottes Brüder schon wieder zurück. Dann sind sie verdamm schnell darin, einen Baum zu fällen.
Doch es war eine schlanke Mädchengestalt, die zwischen den Bäumen hervortrat. Ungläubig schnalzte der Raben-Stephan mit der Zunge. Die roten Haare waren unverkennbar: Das war Gerda, die Älteste von seiner ehemaligen Geliebten Anna.
Treiben sich denn heute alle Koder aus dem Bayes hier herum?, dachte er wütend. Das konnte kein Zufall sein. Die Rote Anna hatte er heute nur flüchtig gesehen, und die Blicke, die sie ihm zugeworfen hatte, waren alles andere als freundlich gewesen.
„Du schuldest mir noch was“, hatte sie gezischt. Doch natürlich hatte der Raben-Stephan nicht vor, ihr mehr als ein müdes Lächeln zukommen zu lassen.
Es war sicher kein Zufall, dass Gerda nun unter diesem Baum stand. Das Mädel war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, wenn er sich richtig erinnerte. Doch sie wirkte deutlich jünger, denn sie war unterernährt und mager. Sie trug kaum mehr als Lumpen am Körper. Neugierig musterte sie die kleine Lotte.
„Hallo“, sagte die Kleine, die sich daran zu gewöhnen schien, dass ständig fremde Kinder auftauchten. „Ich bin Lotte, und wer bist du?“
„Was machst du hier?“, fragte Gerda, ohne zu antworten. Sie sah sich suchend um, wohl weil sie vermutete, dass ein so kleines Kind nicht alleine im Wald sitzen würde.
Sollte es schließlich auch nicht, dachte der Raben-Stephan verstimmt.
„Meine Brüder fällen einen Baum“, erzählte Lotte. „Sie sagen, das dauert eine ganze lange Weile.“
Dummerchen, dachte der Raben-Stephan erneut.
Gerda schien sich jedoch nicht besonders für Lottes Brüder zu interessieren. „Hast du noch jemanden im Wald gesehen?“
Lotte legte den Kopf schief. „Wen denn?“
„Einen Mann“, sagte Gerda schnell. „Einen Mann mit schwarzen Locken.“
Sie mal an, dachte der Raben-Stephan und strich sich unwillkürlich durch sein dichtes Haar. Also wirklich kein Zufall.
„Ist nicht hier herumgelaufen“, sagte Lotte und zuckte mit den Schultern. „Nur ein hungriger Bub war vorhin da.“ Sie betrachtete Gerda neugierig. „Hast du auch Hunger? Ich hab aber keinen Kuchen mehr.“
„Das ist nicht schlimm.“ Gerda schlang die Arme um ihren schmalen Körper. „Du hast also wirklich niemanden gesehen?“
Lotte legte den Kopf schief. „Ist dir kalt? Hat dir deine Mama nicht gesagt, dass man im Dezember nicht ohne Jacke rausgeht?“
Gerda lachte bitter – ein Lachen, das gar nicht zu ihr passte, weil es viel zu erwachsen klang.
„Meiner Mama ist es egal, was ich anhabe. Hauptsache, ich mache, was sie sagt“, meinte sie zynisch. „Außerdem habe ich gar keine Jacke.“
„Wie dumm“, sagte Lotte mitfühlend. „Da wirst du dich vielleicht erkälten.“
„Ja, vielleicht“, sagte Gerda müde und abwesend. Sie schien darüber nachzudenken, ob sie nach hause zurückkehren konnte, ohne ihrer Mutter eine Erfolgsmeldung zu bringen. Oder ob sie irgendwo im Wald einen Platz zum Schlafen fand.
Lotte stand auf und zog ihren Mantel aus. „Da, den schenke ich dir“, sagte sie und reichte Gerda das Kleidungsstück. Gerda zuckte zurück, als habe Lotte ihr eine Schlange angeboten.
„Was soll das?“, fragte sie scharf. „Ist das ein Scherz?“
„Wieso, findest du das lustig?“, fragte Lotte erstaunt. „Du kannst den Mantel ruhig haben. Vielleicht bekomme ich bald den alten Mantel von Ludwig Emil. Das ist zwar ein Mantel für Buben, aber mir gefällt er.“
Zögernd griff Gerda nach dem Mantel. Sie schlüpfte hinein – er war ihr natürlich viel zu klein, so dass er eher wie eine kurze Jacke wirkte. Trotzdem spendete er Wärme.
„Danke“, sagte Gerda. Sie gab ein Geräusch von sich, das nach einem Schluchzen klang.
„Bitte“, sagte Lotte vergnügt. „Und sag deiner Mama, dass sie sich ein bisschen besser darum kümmern soll, was du anziehst.“
Gerda setzte an, um etwas zu sagen. Doch dann überlegte sie es sich offenbar anders. Sie hauchte: „Frohe Weihnachten!“, drehte sich um und rannte davon.
Die Kleine ist gar nicht so übel, dachte der Raben-Stephan voll widerwilliger Bewunderung. Er überlegte sich, dass er auf dem Baum sitzen bleiben würde, bis Lottes Brüder wieder da waren – nur zur Sicherheit. Er lehnte sich zurück und hörte, wie Lotte zu singen begann – ein Kinderlied, das er nicht kannte. Vielleicht dachte sich die Kleine Text und Musik auch gerade erst aus. Die Melodie lullte ihn ein. Er schloss die Augen.
„Guten Abend, junge Dame“, sagte eine Stimme, die der Raben-Stephan sehr gut kannte. Vor Schreck wäre er beinahe von seinem Ast gefallen. Er riss die Augen auf. Eine breitschultrige Gestalt war aus der Düsternis des Waldes an das Kind herangetreten. Die langen braunen Haare waren ihm in den vergangenen Jahren wohl ausgefallen und hatten einer spiegelnden Glatze Platz gemacht. Doch der Raben-Stephan hätte ihn trotzdem jederzeit an seiner schmierigen Stimme erkannt: Das dort unten war Balthasar Diederich, auch genannt Beutel.
Im Raben-Stephan schrillten alle Alarmglocken. Beutel hatte er im Huttengrund zwar nicht gesehen – aber vielleicht hatte der ehemalige Kumpan ja ihn gesehen..?
„Hallo“, sagte Lotte fröhlich. „Du hast ja gar keine Haare mehr!“
„Das stimmt“, sagte Beutel und lachte dreckig. „Die Weiber haben dafür gesorgt, dass mir die Haare alle ausgefallen sind.“
„Wirklich?“, fragte Lotte fasziniert. „Wie haben sie das gemacht?“
„Das findest du noch früh genug heraus, Kleine“, sagte Beutel. „Aber sag mal, was machst du so ganz alleine im Wald?“
„Ich warte auf meine drei Brüder“, sagte Lotte und fügte hinzu. „Sie haben eine Axt dabei.“
Doch nicht so ein Dummerchen, dachte der Raben-Stephan und grinste.
Beutel sah sich unbehaglich um. Drei Brüdern mit einer Axt wollte er augenscheinlich nicht begegnen. „Ach ja? Hast du vielleicht noch jemanden im Wald gesehen?“
„Einen Mann mit dunklen Locken?“
„Ja, genau!“, rief Beutel erfreut.
„Nö, der Ist hier nicht vorbeigekommen“, gab Lotte Auskunft. „Nur einen hungrigen Jungen und ein rothaariges, frierendes Mädchen habe ich getroffen.“
Beutel machte ein dummes Gesicht. Dann hatte es den Anschein, dass er wütend wurde. Der Raben-Stephan machte sich bereit. Er würde nicht zulassen, dass Beutel der Kleinen etwas tat. Doch Lotte kam ihm zuvor.
„Ist das kalt?“, fragte sie.
„Hä?“, machte Beutel. Ihm war der Wind aus den Segeln genommen.
„Das ist bestimmt kalt“, vermutete Lotte.
„Was ist kalt?“, fragte Beutel perplex.
Er war noch nie die hellste Kerze in der Kirche, dachte der Raben-Stephan.
„Na, dein Kopf – so ohne Haare“, meinte Lotte.
„Oh“, machte Beutel. „Nun… ja… Aber was den Mann mit den Locken angeht…“
„Willst du meine Mütze?“
Beutels Verwirrung war komplett. „Was?“
„Meine Mütze“, wiederholte Lotte geduldig. „Damit es dich am Kopf nicht so friert.“
„Ach. Äh…“
Ehe Beutel reagieren konnte, war Lotte aufgestanden und hatte ihm ihre Mütze in die Hand gedrückt. „Sie ist mit Kaninchenfell gefüttert. Das fühlt sich auf deinem Kopf bestimmt schön an. Weil du ja keine Haare hast.“
Beutel betrachtete die Mütze. „Ja, kann sein.“
„Setz sie doch auf“, forderte Lotte. Beutel gehorchte.
„Und? Fühlt es sich schön warm und kuschelig an?“, fragte Lotte gespannt.
Beutel nickte langsam. „Ja. Ja, das tut es“, sagte er verwundert.
„Das ist doch schön. Dann frohe Weihnachten“, sagte Lotte fröhlich und winkte. Beutel war entlassen.
Beutel zögerte kurz. Dann winkte er zurück. Und dann drehte er sich um und ging langsam in den Wald zurück.
Der Raben-Stephan saß mit offenem Mund auf dem Baum. Beutel war wirklich einfach so gegangen. Lotte hatte unwahrscheinliches Glück gehabt. Er wusste, was Beutel mit jungen Frauen und Mädchen, die fast noch Kinder waren, anszustellen pflegte.
Ein schwer zu beschreibendes Gefühl beschlich ihn. Eine Mischung aus Bewunderung und Zuneigung. Er hatte das Bedürfnis, dem Mädchen etwas Gutes zu tun – diesem kleinen Ding, das da nur noch in seinem weißen Kleidchen unter der Eiche auf einem Baumstamm saß und mit den Füßen wippte. Dessen Vater und Tante gestorben waren und für dessen Familie das Christkind in diesem Jahr kein Geld haben würde. Und das trotzdem so freigiebig war.
Vorsichtig griff der Raben-Stephan in seine Tasche und öffnete die Kiste. Er holte eine Hand voll Goldmünzen heraus und warf sie vorsichtig hinunter, so dass sie vor Lotte im Gras landeten. Die Kleine stieß einen erstaunten Juchzer aus und stand auf, um die Münzen einzusammeln. Da sie nun keinen Mantel mehr trug, hob sie den Saum ihres Kleides und legte die Goldstücke dort hinein. Sie war so damit beschäftigt, dass der Raben-Stephan unbemerkt vom Baum hinabsteigen und sich im Unterholz verbergen konnte. Lächelnd beobachtete er von dort aus Lotte, die jedes Goldstück mit einem kleinen Jauchzer begrüßte.
Sie las gerade die letzte Münze auf, als ihre Brüder zurückkamen, einen mittelgroßen, aber hübschen Tannenbaum zwischen sich tragend.
„Was hast du da, Lotte?“, fragte Jakob, als er Lotte entdeckte. Und dann, zunehmend entsetzt, fragte er: „Und wo sind dein Mantel und deine Mütze?“
„Die habe ich verschenkt“, sagte Lotte leichthin.
„Ich wusste, dass wir Ärger mit ihr haben würden“, kommentierte Ferdinand finster. Jakob seufzte. „Dann lasst uns schnell nach hause gehen, ehe Lotte eine Lungenentzündung bekommt.“
„Und was hast du gerade gesammelt?“, fragte Wilhelm misstrauisch, während sie sich Richtung Waldrand in Bewegung setzten..
Lotte hielt eine der Münzen hoch, so dass sie im Sternenlicht glänzte. „Seht nur!“
Die drei Jungen stießen unisono einen erstaunten Ruf aus und blieben wieder stehen.
„Wie viele sind das?“, fragte Wilhelm,
„Genug für neue Wintermäntel für uns alle!“, jubelte Ferdinand.
„Wo hast du die her?“, fragte Jakob.
Lotte lachte. „Die sind vom Himmel gefallen“, sagte sie. „Wie Sterntaler!“
„Sterntaler?“, fragte Wilhelm ungläubig.
Ferdinand schnaubte. „Lotte erzählt mal wieder Märchen!“
„Charlotte Amalie Grimm“, sagte Jakob streng, nahm die Kleine an die Hand und setzte sich wieder in Bewegung. „Wenn wir zu hause sind, wirst du mir ganz genau erzählen, was geschehen ist – und keine dummen Geschichten, hörst du?“
„Schon gut“, sagte Lotte. „Weißt du übrigens, was komisch ist?“
„Nein, was denn?“
„Dass außer mir niemand in diesem Wald nach oben zu gucken scheint.“
Der Raben-Stephan in seinem Versteck stutzte, dann lachte er. „Frohe Weihnachten, Charlotte Amalie Grimm“, sagte er leise, ehe er sich im Dunkel der Winternacht davonstahl.

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