Archiv der Kategorie: Zeitungsarbeiten

Umsonst ist nur der Tod – Ein Besuch auf der Walker Stalker Con in Mannheim

Grausige Deko: Bei der Walker Stalker gehört sie dazu.

Am Wochenende vom 16. und 17. März 2018  haben auf dem Maimarktgelände in Mannheim die Zombies Einzug gehalten – zumindest für die zwei Tage, die die „Walker Stalker Germany“ dauerte. Dieses „Convention“ genannte Treffen für Fans der US-Fernsehserie „The Walking Dead“ gab es erstmals in Deutschland, und der Zulauf war gewaltig. GNZ-Reporterin Tanja Bruske-Guth hat sich am Samstag zwischen Untoten und Stargästen umgeschaut.

Als Zombie-Fan muss man vor allem eins sein: geduldig. Das wird schon im Eingangsbereich deutlich, wo sich bereits geraume Zeit vor dem eigentlichen Startschuss lange Schlangen bilden. Vor den Spaß hat die Organisation die Taschenkontrolle gesetzt. Viele Fans haben sich zudem als ihre Serienhelden verkleidet – und da Oberbösewicht Negan stets mit seinem Stacheldraht umwickelten Baseballschläger „Lucille“ anzutreffen ist, gibt es für die Sicherheitsleute allerhand Schlagwerk – aufblasbar, aus Gummi oder Hartplastik – zu kontrollieren. Nach dieser Schlange folgt eine weitere, an dessen Ende die Eintrittskarten gegen rote Armbändchen getauscht werden. Die Eintrittspreise variieren: vom Tagesticket für 54 Euro über das Zwei-Tages-VIP-Ticket für 235 Euro bis zum Platin-VIP-Zwei Tages-Ticket für sage und schreibe 1635 Euro – inklusive sind unter anderem vier Autogramme und Mittagessen im VIP-Bereich.

Alanna Masterson blödelt beim Selfie-Machen mit den Fans.

Ab zur nächsten Schlange: den Garderoben, denn größere Taschen müssen in Schließfächern deponiert werden. Wer glaubt, er hat es jetzt geschafft, irrt: Vor den Türen zur Halle mit den Hauptattraktionen wartet um kurz vor halb elf eine riesige Menschenmenge auf Einlass. Nachdem sich die Türen geöffnet haben setzt sich die Masse mit erhobenem rechten Arm – die Einlassbändchen müssen zu sehen sein – in Bewegung und erinnert dabei groteskerweise an die in der Serie gerne eingesetzte Herde „Beisser“, wie die Zombies genannt werden.

In den heiligen Hallen geht das Schlangestehen weiter: Die Fans stürmen die Verkaufsstände, an denen Pässe für die „Foto-OPs“ angeboten werden. Die Fototermine mit den Stars sind natürlich nicht umsonst. Bis zu 100 Euro kostet eine Fotosession mit dem begehrten Serienheld. Die Termine mit den beiden großen Stars des Events, Norman Reedus alias Daryl Dixon und Jeffrey Dean Morgan alias Negan, sind binnen kürzester Zeit ausverkauft, die kleinen Billets sind hier wahrscheinlich wertvoller als Gold.

Wer nicht ganz so viel Geld ausgeben möchte, kann die Stars auch an ihren Ständen aufsuchen. Dort schreiben Serienlieblinge wie Katelyn Nacon (Enid), Christian Serratos („Rosita“), Sarah Wayne Callies („Lori“), Tom Payne („Jesus“), oder Chandler Riggs (der zum Kummer vieler Fans kürzlich durch einen Zombiebiss zum Tode verdammte „Carl“) Autogramme, schütteln Hände oder lassen sich zusammen mit Fans per Selfie ablichten. Natürlich auch das nur gegen Geld – umsonst ist im Reich der Zombies bekanntlich nur der Tod, und der kostet das Leben. Doch für die meisten Fans reicht es vollkommen aus, das Idol schon sehen zu können.

Zwei Daryls und ein Jesus-Cosplayer

Um so trauriger, dass sich gerade die beiden begehrtesten Stars rar machen. Gut, Norman Reedus könnte man durchaus irgendwie sehen, wenn da nicht diese riesige Menschenmenge vor seinem Stand wäre. Viele recken Handys in die Höhe, um später mit dem verschwommenen und unscharfen Bild angeben zu können – „Er war wirklich da, ganz in meiner Nähe!“

Diese Chance haben Fans von Jeffrey D. Morgan nicht: Der auch aus anderen Filmen und Serien bekannte Schauspieler versteckt sich für seine Audienzen hinter einem schwarzen Vorhang, so dass ihn nur diejenigen wirklich zu Gesicht bekommen, die dafür auch bezahlen. Eine Exklusivität, die leider so gar nicht zum Convention-Gedanken passt, bei dem immer die Fans im Mittelpunkt stehen sollten.

Der erste Programmpunkt ist gleich ein Highlight: Khary Payton, in der Serie bekannt als „König Ezekiel“ und eine der beliebtesten Figuren, steht auf der Bühne den beiden Moderatoren Sara Kelly und Jan Müller Rede und Antwort. Der Schauspieler entpuppt sich als witziger und charismatischer Redner, dem man anmerkt, dass er zu früheren Zeiten auch Stand Up Komiker war. Ganz relaxt im verwaschenen Led-Zepplin-Shirt, berichtet er zum Beispiel von den Aufnahmen für Szenen mit seinem Tiger „Shiva“. Dass die weiße Raubkatze tatsächlich ausschließlich computeranimiert war, mögen viele nicht glauben. Doch, so war es, versichert Payton – er habe nicht einmal den berühmten Tennisball auf der Stange zum Anspielen gehabt sondern lediglich Luft gestreichelt: „Die Macher hätten alles dort einbauen können, auch einen Affen oder einen Drachen.“ Payton verrät, dass er selbst in einer Zombie-Apokalypse keine sieben Minuten überleben würde – dafür sei er zu freundlich. „Ich würde auf einen Beißer zugehen und fragen: Ey Mann, bist du okay?“

Cosplayer als Beth und Carol

Fast vergessen die beiden Moderatoren, dass auch die Zuschauer Fragen stellen dürfen. Payton antwortet geduldig und witzig. Dass Tiger Shiva sterben musste, habe ihm selbst nicht gefallen, es sei die Entscheidung der Autoren gewesen. Ob er ein anderes Tier bekomme? Vielleicht einen Elefanten, das wäre ohnehin die bessere Wahl gewesen, meint Payton. Ob aus Carol und dem König irgendwann ein Liebespaar wird, wisse er auch nicht: „Die Autoren verraten mir nichts! Aber es liegt an Carol – vielleicht sollte ich ihr Pralinen und Blumen bringen…“ Dass seine Inspiration für Ezekiel Shakespeares Heinrich V war und er beim Dreh seiner ersten Szene so aufgeregt war, dass er seinen Text vergaß, waren weitere charmante Details, die Khary Payton Preis gab.

An den Podiumsdiskussionen, die im Convention-Slang „Panels“ genannt werden, merkt man, wie straff durchorganisiert und professionell die Veranstaltung ist: Der Einlass der verschiedenen Ticket-Inhaber ist genau choreografiert, es gibt deutsche Simultan-Untertitel und einen Gebärdensprachen-Dolmetscher auf der Bühne.

Nach Payton folgen weitere Panels: die Bösewichte Steven Ogg („Simon“), Polyanna McIntosh („Jadis“) und Austin Amelio („Dwight“) stehen als nächstes auf dem Programm, später folgen Darsteller der Zombie-Serie „Sons of Anarchy“, für die die Fans nicht ganz so viel Interesse aufbringen, denn der Zuschauerraum bleibt halb leer. Und auch die Darsteller Ron Pearlman, Ryan Hurst und Tommy Flanagan zeigen nicht besonders viel Interesse, antworten einsilbig und gelangweilt. Sie sind eben hier nicht die Stars, die das Publikum sehen will.

Für den Hunger zwischendurch ist mit einem Food-Truck-Markt gesorgt. Aber auch hier lautet das Motto: „The Waiting Death“ – es kann durchaus passieren, dass man den Hungertod gestorben ist, bis man an die Reihe kommt, und das bei frostigen Temperaturen unter freiem Himmel.

Das Interview von Khary Payton wird vom Gebärdensprache-Dolmetscher direkt übersetzt und auf eine Leinwand übertragen. Dort gibt es auch deutsche Untertitel.

Aber was soll das Gejammer, in der Halle gibt es noch viel zu entdecken. Merchandising, so weit das Auge blickt: T-Shirts, Comics, Kuscheltiere, Schlüsselanhänger, Poster, mehr oder weniger eklige Zombie-Accessoires, Taschen und Tassen sowie hölzerne Pfannenwender im „Lucille“-Stil – hier gibt es alles, was das Fan-Herz begehrt. An einem Stand kann man sich sogar tätowieren lassen. Auf einem stilgerechten Motorrad lassen sich Daryl-Liebhaber (meist weiblich, versteht sich) zusammen mit einem Papp-Norman-Reedus fotografieren, ebenso vor der nachgebauten Kulisse des Serien-Krankenhauses mit Zombie-Komparsen. Der Renner ist allerdings ein Stand, an dem ein Foto mit Doppelgängern der beiden Hauptakteure Rick und Negan mögich ist. Standbetreiber René Koroska hat die beiden professionellen Cosplayer Cecil Grimes und „Notorious Negan“ extra aus den USA einfliegen lassen. Der Erfolg spricht für sich: Die Schlange hier ist ebenso lang wie die beim „echten“ Norman Reedus.

A propos Cosplay: Wie auf jeder vernünftigen Convention finden sich zahlreiche Fans im Serien-Outfit: Zombies natürlich, aber auch jede Menge Negans, Daryls und Carls. Mir läuft zudem eine überzeugende „Mini-Michonne“ über den Weg: Die zehnjährige Jona ist, wie ihre Mutter und Großmutter, Mitglied im „The Walking Dead“-Cosplay Verein aus Osnabrück und hat sich als ihr Idol, die taffe Schwertkämpferin Michonne, gestylt. Eigentlich hätte sie dafür einen Preis verdient, aber den Cosplay-Wettbewerb hat die Mama leider verpasst.

Die „Alexandrians“ singen Pocahontas, von links: Christian Serratos, Moderatorin Sara Kelly, Alanna Masterson, Ross Marquard und Michael Traynor

Letztes großes Panel des Tages sind die „Alexandrians“. Auf der Bühne Platz nehmen nun Alanna Masterson („Tara“), Christian Serratos („Rosita“), Ross Marquard („Aaron“) und Michael Traynor. Dessen Charakter „Nicholas“ hat schon vor einiger Zeit in der Serie auf recht unrühmliche Art und Weise das Zeitliche gesegnet, was Anlass für reichlich Witze und Selbstironie ist. Die vier Stars albern mit den Moderatoren herum, singen Disney-Lieder und beantworten mehr oder weniger ernsthaft Fan-Fragen. Welcher Serientod sie am meisten berührt hat? Der von Daryl, meint Alanna Masterson und erntet Gelächter und „Spoiler“-Rufe – dass dieser Serienliebling sterben könnte, ist der Alptraum vieler Fans. Auf echte Spoiler lassen sie sich jedoch nicht ein. Und welche Figur sie am liebsten spielen würden außer der eigenen? „Judith“, antworten alle unisono – das ist die dreijährige und erstaunlicherweise immer noch weitestgehend stumm durch das Serienleben gehende Tochter der Hauptfigur. Man merkt, es ist fast Feierabend. Am nächsten Tag stehen weitere Panels auf dem Programm, unter anderem mit Norman Reedus und Jeffrey D. Morgan.

Als sich die Halle langsam leert und die Schlangen vor den Ständen der Stars kürzer werden, gibt es tatsächlich die Möglichkeit, den Schauspielern beim Meet and Greet die Hand zu schütteln und ein paar warme Worte mit ihnen zu wechseln – vollkommen gratis. Natürlich ohne Selfie, der kostet extra. Aber ein Lächeln und eine Umarmung vom Idol sind vielen Fans schon genug.

Eine Zombie-Braut posiert auf Daryls Motorrad.

Hier konnten sich Fans mit Zombie-Komparsen in authentischer Kulisse fotografieren lassen.

Die zehnjährige Jona hat sich als die taffe Kämpferin Michonne verkleidet.

Jan Müller und Sara Kelly interviewen Khary Payton (rechts).

Tom Payne alias „Jesus“ beim Selfie-Schießen.

Austin Amelio alias Dwight posiert mit Fans

Fans konnten sich mit den Doubles von „Rick“ und „Negan“ fotografieren lassen.

Chandler Riggs trifft Fans.

Das beliebteste Kostüm war Negan – ganz gleich, ob männlich oder weiblich.

Am Stand von Norman Reedus war kein Durchkommen möglich.

Ross Marquard trifft Fans.

Sara Wayne Callies freut sich über Fan-Besuch.

Mutige ließen sich vor Ort tätowieren.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitungsarbeiten

Papptopp

Das war ein Uhu… aber tauscht ruhig die Vornamen aus und ihr wisst, um wen es geht :))

 

Die kleine Tiffany ist ein herziges Kind. Aber in den Augen ihrer Mutter verbringt sie viel zu viel Zeit vor dem Fernseher. Das Mädchen scheint regelrecht süchtig nach Zeichentrickserien zu sein. Seit Kurzem hat sie entdeckt, dass es an Mamas Laptop Spiele und Programme gibt, mit denen sie   ihre Lieblingsserien auch weiterverfolgen kann, wenn sie gerade nicht auf dem Sendeplan stehen. Und wenn weder Fernseher noch Laptop in Reichweite sind, dann fragt Tiffany nach dem Smartphone von Mama und Papa, um damit zu daddeln. Aber schließlich haben es die Eltern in der Hand, dem Problem Herr zu werden, beschließt Tiffanys Mama. Die Fernsehzeiten werden rigoros reduziert, an den Laptop darf das Kind höchstens einmal pro Woche, und das Handy wird nur in Extremsituationen herausgerückt. Tiffany mault, weint und bockt. „Du kannst dich auch mit anderen Sachen beschäftigen“, bleibt Mama hart. „Du kannst doch so schön malen!“ Das wirkt. Denn Tiffany malt und bastelt nicht nur schön, sondern auch gerne. Stundenlang beschäftigt sie sich mit einem ganz besonderen Projekt, das sie ihrer Mutter schließlich stolz präsentiert: „Guck mal, ich hab einen Laptop gebastelt!“ Wirklich, herzallerliebst. Das Pappteil lässt sich auf- und zuklappen, hat aufgemalte Tasten und einen Bildschirm, auf dem eine Prinzessin zu sehen ist. Tiffany beschäftigt sich den ganzen restlichen Tag mit  „ihrem Laptop“, denkt sich Spiele aus und „schreibt Nachrichten“. Auch am nächsten Morgen hat der „Papptop“ seinen Reiz noch nicht verloren. Tiffany will ihn unbedingt mit in den Kindergarten nehmen. Die Mutter willigt ein. Als sie Tiffany mittags abholt,   präsentiert diese ihr neben dem „Papptop“ stolz ihr neues Kunstwerk: ein Papp-Handy. Während Tiffanys Mutter noch denkt: „Zumindest hat sie gebastelt…“, meint die Erzieherin kopfschüttelnd: „Also, ich glaube, Sie müssen Ihrer Tochter dringend einen  Laptop besorgen.“

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Projektarbeiten, Zeitungsarbeiten

Halloween-Unsitten

Neulich hat sich ein Leser über Halloween beschwert: Dabei würden  Kinder nachts im Dunkeln an den Haustüren der Bürger Süssigkeiten abpressen, so die Kritik. Seine Meinung teilen viele Menschen (wahrscheinlich vor allem die, die keine Lust haben, an wildfremde Kinder Süßigkeiten zu verschenken). Angeführt wird vor allem immer wieder das Argument, dass es keine deutsche Tradition sei, sondern ein aus den USA eingeschleppter Brauch.

Hm, schauen wir uns das Ganze doch mal an: Verkleiden. Ja, das ist in Deutschland ein gänzlich unbekanntes Gebaren, zum Leidwesen der zahlreichen Karnevalvereine. Vor allem Kinder machen das normalerweise überhaupt nicht, weshalb auf den halbherzig organisierten Kindermaskenbällen meist gähnende Leere herrscht.  12185158_1232660793417034_8355844886034805154_o

Dann die Sache mit den fiesen Streichen. Kennen wir in Deutschland nicht. Wir sind immer lieb zueinander. Außer am 1. April.

Und nun der schlimmste Vorwurf: diese elende Süßigkeiten-Bettelei, eine Unsitte, wie sie die gute deutsche Tradition nicht kennt.  Öhm. Wenn man mal davon absieht, dass an Faschingsdienstag (zumindest bei uns in der Gegend) früher die Kinder von Haus zu Haus gingen, um Süßes oder Kräppel zu sammeln („Äbbelche oder Kräbbelche“). Und davon, dass die Kerbburschen zur Kirchweih noch heute in gewissen Orten Eier und anderen Kram in den Haushalten erbetteln…

Nein, nein, davon wollen wir nicht reden. Benennen wir doch lieber  einen positiven Gegenpol: das schöne deutsche Sankt-Martins-Fest, das entgegen anderslautender Vermutungen NICHT in Sonne-Mond-und-Sterne-Fest umgetauft werden soll. Darin geht es um Werte wie Großzügigkeit und Teilen.  Wie ich soeben erfahren habe, gibt es im Rheinland und in Teilen Norddeutschlands übrigens die Sitte, dass die Kinder mit ihren Laternen von Haus zu Haus gehen und Süßigkeiten sammeln…

Moment! Da war doch was?

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitungsarbeiten

Ticket für einen Fremden

IMG_9733

Von Tanja Bruske-Guth

Erlensee-Langendiebach. Als Rina Nentwig aus Langendiebach während einer Bahnfahrt einem jungen Schwarzfahrer spontan das Bahnticket bezahlte, ahnte sie noch nicht, welche Wellen das schlagen würde. Denn ihre Mitreisenden waren von ihrer Tat so beeindruckt, dass sie ihr spontan Geld für das Ticket spendeten. Im Internet ist ihre Geschichte mittlerweile viral geworden. Ein Leserbrief aus der „Zeit“, der das Geschehen kommentiert, macht die Runde. Die Reaktionen reichen von Respekt über so viel Zivilcourage bis zu Häme und Rassismusvorwürfen. Was keiner ahnt: Die Geschichte hinter der Geschichte macht die Angelegenheit noch interessanter. Denn Rina Nentwig tat, was sie tat, weil sie die Situation an ihre Mutter erinnerte, die 1938 als 13-jährige Jüdin mit dem Zug von Frankfurt nach Amsterdam flüchtete.

Mitte Juli war Rina Nentwig mit der Bahn unterwegs nach Berlin zur Familie ihres Sohnes. Ungefähr auf halber Strecke bemerkte sie, dass mehrere Bahnbeamte einen jungen Mann umringten. „Offenbar hatte er keinen Fahrschein. Er konnte sich zwar ausweisen, aber er schaute verschämt und hilflos auf den Boden. Der Ton der Beamten wurde immer schärfer, und dann meinte ein Zugbegleiter, dass der Mann an der nächsten Station von der Polizei abgeführt werden sollte“, erinnert sich die Langendiebacherin. Sie habe nur Wortfetzen mitbekommen, aber die Situation als sehr bedrohlich empfunden.
Spontan entschloss sie sich, dem jungen Mann, den sie für einen Osteuropäer hielt, die Karte zu bezahlen. Die Bahnbeamten reagierten verblüfft, akzeptierten aber ihr Angebot. Zu Kompromissen waren sie  allerdings nicht bereit: Der Zugbegleiter sagte, er habe den Schwarzfahrer bereits in Würzburg gesehen, forderte 131,50 Euro. „Ich hatte keine Lust, zu diskutieren und habe einfach bezahlt – mit Visa, so viel Geld hatte ich nicht bar dabei.“ Der junge Mann habe sich in gebrochenem Englisch bedankt und sich ihre Telefonnummer geben lassen. Die eigentliche Überraschung für Rina Nentwig kam aber, als sie sich wieder setzte: Plötzlich kamen andere Mitreisende auf sie zu, beglückwünschten sie für ihre Zivilcourage, beteiligten sich mit kleinen Geldspenden an dem Fahrschein. „An Ende hatte ich die Hälfte des Ticketpreises zusammen.“ Rina Nentwig war überwältigt von den Reaktionen, die ihre Tat ausgelöst hatte. „Ich hatte nicht damit gerechnet. Es war eine surreale Situation. Wir hatten alle Tränen in den Augen“, bekennt sie. „Als ich in Berlin ausstieg, hatte ich das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können.“
Vom Leserbrief zum viralen Internethit
Weil sie die positiven Reaktionen der Mitmenschen so berührten, schrieb sie einen Leserbrief an die „Zeit“. Ungewöhnlich: Am selben Tag ging in deren Redaktion ein zweiter Brief ein. Eine Heidelbergerin schilderte den Vorfall aus ihrer Sicht. Und dieser kleine Zeitungsschnipsel macht derzeit im Internet die Runde. Die Reaktionen sind durchaus verschieden – während die einen die „gute Tat“ der Langendiebacherin loben, werfen ihr andere sogar Rassismus vor, da sie aufgrund der Herkunft des Mannes automatisch angenommen habe, dass er mittellos sei. Andere beschimpfen sie regelrecht für ihre „Dummheit“, einen Schwarzfahrer auch noch belohnt zu haben. Die Vorwürfe treffen Rina Nentwig nicht. „Ich finde es nur ein bisschen schade“, sagt sie. Sie habe sich in der Situation selbst nicht als besonders couragiert empfunden, sondern sie habe lediglich reagiert. Und der Grund für ihre Reaktion liegt vor allem in ihrer persönlichen Geschichte – oder eher der ihrer Mutter.
Erinnerungen an die Flucht der jüdischen Mutter
Diese flüchtete 1938 als jüdische Halbwaise aus Frankfurt, fuhr mit dem Zug nach Amsterdam. „Schon im Zug befürchteten die 13-jährige Cilly, meine Mutter und ihre zehnjährige Schwester Jutta, dass sie gefasst werden“, berichtet Rina Nentwig. Die Situation des jungen Mannes ohne Fahrkarte erinnerte sie drastisch an die Geschichte ihrer Mutter, in deren Leben es ein weiteres dramatisches Ereignis mit einem Zug gab.
Als Cilly, die einige Jahre später als Kinderpflegerin arbeitete und in Amsterdam einige jüdische Kinder in den Untergrund gerettet hatte, selbst untertauchen wollte, erfuhr sie, dass ihre Schwester Jutta sich bereits in einem Zug befand, der zum KZ Westerbork fahren sollte. „Meine Mutter hörte, es gebe einen SS-Mann, der bereits vielen Juden geholfen habe, sich aus aussichtslosen Situationen zu befreien. So ging sie zu ihm und bat, ihr zu helfen – was er auch ohne zu zögern tat.“ Er rettete Jutta und noch einige andere Menschen aus dem Zug, die ohne seine Hilfe in den sicheren Tod gefahren wären. Cilly und Jutta überlebten im Versteck in Amsterdam, ihre Mutter und ihr Bruder, die in Deutschland zurückgeblieben waren, starben im Konzentrationslager.
Lange nach dem Krieg suchte Rina Nentwigs Mutter nach diesem Mann und traf ihn in München. „Meine Mutter bedankte sich bei ihm, und er versicherte, dass er nicht anders konnte, als zu helfen.“ Ihre Mutter habe ihm und später auch ihren Kindern gesagt: Wenn viele Menschen so gewesen wären wie er, wäre vielen Leuten viel Leid erspart worden. „Dieser Spruch meiner Mutter, ihr Mut und der Mut so vieler Mithelfer und sicherlich auch der Mut eines eigentlich regimetreuen SS-Mannes begleiten mich. So handele ich in Gedanken wohl auch in ihrem Sinne“, meint Rina Nentwig. Und so sei es auch im Zug nach Berlin gewesen. „Es war so spürbar für mich – es war eine Situation, in der ich nicht mehr ausweichen und gar nicht anders handeln konnte.“

 

Dieser Text ist am 24. Juli 2015 in der Gelnhäuser Neuen Zeitung erschienen. Auf Nachfrage veröffentliche ich ihn auch auf meinem Blog. Übrigens: Ich behalte mir vor, rassistische Äußerungen und Beleidigungen kommentarlos zu löschen. Das hat weder etwas mit Zensur noch mit Meinungsfreiheit zu tun. Meine Seite, meine Regeln. Das ist so. Punkt.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Zeitungsarbeiten

Morgenglosse vom 9. Juni 2015

„Hey, yolo!“, sagt die Kleine ganz cool zu mir. Sie gehört mir nicht, sonst wüsste ich vielleicht, was sie meint. Sie gehört aber meiner Cousine, die grade nicht da ist. Also reiche ich ihr ein Stück Erdbeerkuchen und frage höflich nach: „Wie bitte?“ Die Kleine winkt cool ab und lackiert gelangweilt ihre Nägel: „Ach, swag!“

Hm, das bringt mich irgendwie auch nicht weiter. Hilflos schaue ich mich um. Doch außer mir sind auf dieser Geburtstagsfeier leider nur Über-Dreißigjährige wie ich, die mit Jugendsprache nichts mehr anfangen können, oder Unter-Dreijährige, die es noch nicht können. Bin unschlüssig, ob ich es weiter mit Kommunikation versuchen soll.

Mein Gegenüber scheint das Interesse an mir verloren zu haben und wischt kaugummikauend auf dem Display ihres Handys herum.  Ich räuspere mich und erkundige mich nach der absolvierten Klassenfahrt.
Gelangweiltes Stöhnen. „War nich so der Burner. In der Bude gab‘s nur fiese Mische und lauter Monks, aber wir haben ordentlich gechillt, das war das gute dran.“ Ich nicke mechanisch: „Na so ein Glück…“ Habe kein Wort verstanden. Sehe mich trotzdem genötigt, mal nachzufragen, ob sie einen Freund hat.

„Brauchst mir kein Kotelett aufs Ohr quatschen, Tussi“, sagt sie müde und setzt ihre Ray Ban Sonnenbrille auf. „Locker mal ab.“

Ich schlucke. Bin ich gerade beleidigt worden? Soll ich sie rügen?  Oder wie?

Egal, sie hört mir eh nicht mehr zu, hat Kopfhörer aufgesetzt. Muss ganz schön stressig sein, so das Leben einer Neunjährigen heutzutage.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitungsarbeiten

Die Bücher und ich…

Erschienen als Glosse „Ulla Uhu“ vom 17. April 2015

Heute bin ich in der Stadt. Und komme an einem Buchladen vorbei. Ich weiß genau: Es ist nicht gut, wenn ich dort hineingehe. Gar nicht gut. Aber dann fällt mir ein, dass ich ein Geburtstagsgeschenk für Tante Hilde brauche. Und was gibt es Besseres als ein Buch? Also rein in den Laden und einfach ein bisschen gestöbert. „Es ist ja nicht für mich“, denke ich. Und dieser neue Thriller ist bestimmt total spannend. Ich nehme das Buch und gehe zur Kasse. Ich zögere. Tante Hilde hat ein schwaches Herz. Der Thriller ist sicher zu aufregend für sie. Ich suche lieber weiter. Aber den Thriller nehme ich trotzdem mal mit. Da, ein Liebesroman. Mit allem, was ein gutes Buch braucht: ein bisschen Drama, ein bisschen Humor, ganz viel Gefühl. Ich gehe zur Kasse. Ich zögere. Tante Hilde hat so nah am Wasser gebaut. Der Roman regt sie sicher zu sehr auf. Ich suche besser etwas anderes. Aber den Roman nehme ich trotzdem mal mit. Da, eine Biografie. Ich weiß, dass das Tante Hildes Lieblingsschauspieler ist. Meiner zufällig auch. Ich gehe zur Kasse. Ich zögere. Will Tante Hilde diese peinlichen Details aus dem Leben ihres Stars wirklich wissen …? Mit fünf Büchern verlasse ich wenig später die Buchhandlung. Keines davon ist für Tante Hilde. Die bekommt eine Tasse. Ist sicherer für sie.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Zeitungsarbeiten

Das wird man doch noch sagen dürfen

Kommentar, erschienen am 13. November 2014 in der Gelnhäuser Neuen Zeitung. Hintergrund: Die Stolperstein.-Gruppe teilte mit, dass sechs Steine nicht verlegt werden können, weil die Besitzer der anliegenden Häuser es nicht wollen.

Stolpersteine sind eine gute Sache. Da sind sich die meisten einig. Dass einige Menschen in Langenselbold nicht möchten, dass solche Gedenksteine vor ihrem Haus liegen, ist ihr gutes Recht. Ob Recht auch richtig ist, steht auf einem anderen Blatt.
Die Begründung eines Geschäftsmannes, er befürchte bei einem Stolperstein vor seinem Haus Kundenverluste, erscheint auf den ersten Blick fadenscheinig. Vielleicht wirft sie aber auch ein unschönes Licht auf die aktuelle „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen“-Gesellschaft, deren neuer Stammtisch das soziale Netzwerk ist. Ebenso tief blicken lässt die andere von der Stolpersteingruppe genannte Begründung eines Hausbesitzers, man wolle „damit nichts zu tun haben“.
Man hat aber etwas damit zu tun. Man lebt nämlich hier, in diesem Land, in dem vor vielen Jahren großes Unrecht geschehen ist. Da hilft es nichts, sich in die Gnade der späten Geburt zu flüchten. Der Durchschnittsdeutsche von heute hat zu den Nazi-Verbrechen natürlich nichts beigetragen. Ebenso wenig wie zum Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014. Trotzdem sind „Wir“ plötzlich Weltmeister. Schon komisch, dass diese populäre Denkweise bei vielen in nur eine Richtung funktioniert.
Ich bin Jahrgang 1978. Selbst meine Eltern haben die dunkelsten Stunden dieses Landes nicht selbst miterlebt. Ich fühle mich nicht verantwortlich dafür, dass ein deutsches Regime grob geschätzt etwa 13 Millionen Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung oder körperlichen Behinderung, ihrer religiösen Herkunft oder politischen Einstellung systematisch töten ließ. Aber ich fühle mich dafür verantwortlich, es nicht zu vergessen – aus Pietät den Opfern gegenüber und weil es derzeit viel zu viele gibt, die es anscheinend bereits vergessen haben und viele unschöne Dinge „wohl doch noch sagen dürfen“.
Ich weiß nicht, wer mir mehr Angst macht: Die „Das-darf-man-doch-noch-Sager“ oder die „Damit-nichts-zu-tun-haben-Woller“. Von beiden gab es vor über 70 Jahren schon mal sehr viele.
Weil es zu viele waren, müssen wir heute Stolpersteine verlegen. Und das zu verhindern, ist feige. Das wird man doch noch sagen dürfen.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Zeitungsarbeiten