Archiv der Kategorie: Zeitungsarbeiten

Papptopp

Das war ein Uhu… aber tauscht ruhig die Vornamen aus und ihr wisst, um wen es geht :))

 

Die kleine Tiffany ist ein herziges Kind. Aber in den Augen ihrer Mutter verbringt sie viel zu viel Zeit vor dem Fernseher. Das Mädchen scheint regelrecht süchtig nach Zeichentrickserien zu sein. Seit Kurzem hat sie entdeckt, dass es an Mamas Laptop Spiele und Programme gibt, mit denen sie   ihre Lieblingsserien auch weiterverfolgen kann, wenn sie gerade nicht auf dem Sendeplan stehen. Und wenn weder Fernseher noch Laptop in Reichweite sind, dann fragt Tiffany nach dem Smartphone von Mama und Papa, um damit zu daddeln. Aber schließlich haben es die Eltern in der Hand, dem Problem Herr zu werden, beschließt Tiffanys Mama. Die Fernsehzeiten werden rigoros reduziert, an den Laptop darf das Kind höchstens einmal pro Woche, und das Handy wird nur in Extremsituationen herausgerückt. Tiffany mault, weint und bockt. „Du kannst dich auch mit anderen Sachen beschäftigen“, bleibt Mama hart. „Du kannst doch so schön malen!“ Das wirkt. Denn Tiffany malt und bastelt nicht nur schön, sondern auch gerne. Stundenlang beschäftigt sie sich mit einem ganz besonderen Projekt, das sie ihrer Mutter schließlich stolz präsentiert: „Guck mal, ich hab einen Laptop gebastelt!“ Wirklich, herzallerliebst. Das Pappteil lässt sich auf- und zuklappen, hat aufgemalte Tasten und einen Bildschirm, auf dem eine Prinzessin zu sehen ist. Tiffany beschäftigt sich den ganzen restlichen Tag mit  „ihrem Laptop“, denkt sich Spiele aus und „schreibt Nachrichten“. Auch am nächsten Morgen hat der „Papptop“ seinen Reiz noch nicht verloren. Tiffany will ihn unbedingt mit in den Kindergarten nehmen. Die Mutter willigt ein. Als sie Tiffany mittags abholt,   präsentiert diese ihr neben dem „Papptop“ stolz ihr neues Kunstwerk: ein Papp-Handy. Während Tiffanys Mutter noch denkt: „Zumindest hat sie gebastelt…“, meint die Erzieherin kopfschüttelnd: „Also, ich glaube, Sie müssen Ihrer Tochter dringend einen  Laptop besorgen.“

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Halloween-Unsitten

Neulich hat sich ein Leser über Halloween beschwert: Dabei würden  Kinder nachts im Dunkeln an den Haustüren der Bürger Süssigkeiten abpressen, so die Kritik. Seine Meinung teilen viele Menschen (wahrscheinlich vor allem die, die keine Lust haben, an wildfremde Kinder Süßigkeiten zu verschenken). Angeführt wird vor allem immer wieder das Argument, dass es keine deutsche Tradition sei, sondern ein aus den USA eingeschleppter Brauch.

Hm, schauen wir uns das Ganze doch mal an: Verkleiden. Ja, das ist in Deutschland ein gänzlich unbekanntes Gebaren, zum Leidwesen der zahlreichen Karnevalvereine. Vor allem Kinder machen das normalerweise überhaupt nicht, weshalb auf den halbherzig organisierten Kindermaskenbällen meist gähnende Leere herrscht.  12185158_1232660793417034_8355844886034805154_o

Dann die Sache mit den fiesen Streichen. Kennen wir in Deutschland nicht. Wir sind immer lieb zueinander. Außer am 1. April.

Und nun der schlimmste Vorwurf: diese elende Süßigkeiten-Bettelei, eine Unsitte, wie sie die gute deutsche Tradition nicht kennt.  Öhm. Wenn man mal davon absieht, dass an Faschingsdienstag (zumindest bei uns in der Gegend) früher die Kinder von Haus zu Haus gingen, um Süßes oder Kräppel zu sammeln („Äbbelche oder Kräbbelche“). Und davon, dass die Kerbburschen zur Kirchweih noch heute in gewissen Orten Eier und anderen Kram in den Haushalten erbetteln…

Nein, nein, davon wollen wir nicht reden. Benennen wir doch lieber  einen positiven Gegenpol: das schöne deutsche Sankt-Martins-Fest, das entgegen anderslautender Vermutungen NICHT in Sonne-Mond-und-Sterne-Fest umgetauft werden soll. Darin geht es um Werte wie Großzügigkeit und Teilen.  Wie ich soeben erfahren habe, gibt es im Rheinland und in Teilen Norddeutschlands übrigens die Sitte, dass die Kinder mit ihren Laternen von Haus zu Haus gehen und Süßigkeiten sammeln…

Moment! Da war doch was?

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Ticket für einen Fremden

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Von Tanja Bruske-Guth

Erlensee-Langendiebach. Als Rina Nentwig aus Langendiebach während einer Bahnfahrt einem jungen Schwarzfahrer spontan das Bahnticket bezahlte, ahnte sie noch nicht, welche Wellen das schlagen würde. Denn ihre Mitreisenden waren von ihrer Tat so beeindruckt, dass sie ihr spontan Geld für das Ticket spendeten. Im Internet ist ihre Geschichte mittlerweile viral geworden. Ein Leserbrief aus der „Zeit“, der das Geschehen kommentiert, macht die Runde. Die Reaktionen reichen von Respekt über so viel Zivilcourage bis zu Häme und Rassismusvorwürfen. Was keiner ahnt: Die Geschichte hinter der Geschichte macht die Angelegenheit noch interessanter. Denn Rina Nentwig tat, was sie tat, weil sie die Situation an ihre Mutter erinnerte, die 1938 als 13-jährige Jüdin mit dem Zug von Frankfurt nach Amsterdam flüchtete.

Mitte Juli war Rina Nentwig mit der Bahn unterwegs nach Berlin zur Familie ihres Sohnes. Ungefähr auf halber Strecke bemerkte sie, dass mehrere Bahnbeamte einen jungen Mann umringten. „Offenbar hatte er keinen Fahrschein. Er konnte sich zwar ausweisen, aber er schaute verschämt und hilflos auf den Boden. Der Ton der Beamten wurde immer schärfer, und dann meinte ein Zugbegleiter, dass der Mann an der nächsten Station von der Polizei abgeführt werden sollte“, erinnert sich die Langendiebacherin. Sie habe nur Wortfetzen mitbekommen, aber die Situation als sehr bedrohlich empfunden.
Spontan entschloss sie sich, dem jungen Mann, den sie für einen Osteuropäer hielt, die Karte zu bezahlen. Die Bahnbeamten reagierten verblüfft, akzeptierten aber ihr Angebot. Zu Kompromissen waren sie  allerdings nicht bereit: Der Zugbegleiter sagte, er habe den Schwarzfahrer bereits in Würzburg gesehen, forderte 131,50 Euro. „Ich hatte keine Lust, zu diskutieren und habe einfach bezahlt – mit Visa, so viel Geld hatte ich nicht bar dabei.“ Der junge Mann habe sich in gebrochenem Englisch bedankt und sich ihre Telefonnummer geben lassen. Die eigentliche Überraschung für Rina Nentwig kam aber, als sie sich wieder setzte: Plötzlich kamen andere Mitreisende auf sie zu, beglückwünschten sie für ihre Zivilcourage, beteiligten sich mit kleinen Geldspenden an dem Fahrschein. „An Ende hatte ich die Hälfte des Ticketpreises zusammen.“ Rina Nentwig war überwältigt von den Reaktionen, die ihre Tat ausgelöst hatte. „Ich hatte nicht damit gerechnet. Es war eine surreale Situation. Wir hatten alle Tränen in den Augen“, bekennt sie. „Als ich in Berlin ausstieg, hatte ich das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können.“
Vom Leserbrief zum viralen Internethit
Weil sie die positiven Reaktionen der Mitmenschen so berührten, schrieb sie einen Leserbrief an die „Zeit“. Ungewöhnlich: Am selben Tag ging in deren Redaktion ein zweiter Brief ein. Eine Heidelbergerin schilderte den Vorfall aus ihrer Sicht. Und dieser kleine Zeitungsschnipsel macht derzeit im Internet die Runde. Die Reaktionen sind durchaus verschieden – während die einen die „gute Tat“ der Langendiebacherin loben, werfen ihr andere sogar Rassismus vor, da sie aufgrund der Herkunft des Mannes automatisch angenommen habe, dass er mittellos sei. Andere beschimpfen sie regelrecht für ihre „Dummheit“, einen Schwarzfahrer auch noch belohnt zu haben. Die Vorwürfe treffen Rina Nentwig nicht. „Ich finde es nur ein bisschen schade“, sagt sie. Sie habe sich in der Situation selbst nicht als besonders couragiert empfunden, sondern sie habe lediglich reagiert. Und der Grund für ihre Reaktion liegt vor allem in ihrer persönlichen Geschichte – oder eher der ihrer Mutter.
Erinnerungen an die Flucht der jüdischen Mutter
Diese flüchtete 1938 als jüdische Halbwaise aus Frankfurt, fuhr mit dem Zug nach Amsterdam. „Schon im Zug befürchteten die 13-jährige Cilly, meine Mutter und ihre zehnjährige Schwester Jutta, dass sie gefasst werden“, berichtet Rina Nentwig. Die Situation des jungen Mannes ohne Fahrkarte erinnerte sie drastisch an die Geschichte ihrer Mutter, in deren Leben es ein weiteres dramatisches Ereignis mit einem Zug gab.
Als Cilly, die einige Jahre später als Kinderpflegerin arbeitete und in Amsterdam einige jüdische Kinder in den Untergrund gerettet hatte, selbst untertauchen wollte, erfuhr sie, dass ihre Schwester Jutta sich bereits in einem Zug befand, der zum KZ Westerbork fahren sollte. „Meine Mutter hörte, es gebe einen SS-Mann, der bereits vielen Juden geholfen habe, sich aus aussichtslosen Situationen zu befreien. So ging sie zu ihm und bat, ihr zu helfen – was er auch ohne zu zögern tat.“ Er rettete Jutta und noch einige andere Menschen aus dem Zug, die ohne seine Hilfe in den sicheren Tod gefahren wären. Cilly und Jutta überlebten im Versteck in Amsterdam, ihre Mutter und ihr Bruder, die in Deutschland zurückgeblieben waren, starben im Konzentrationslager.
Lange nach dem Krieg suchte Rina Nentwigs Mutter nach diesem Mann und traf ihn in München. „Meine Mutter bedankte sich bei ihm, und er versicherte, dass er nicht anders konnte, als zu helfen.“ Ihre Mutter habe ihm und später auch ihren Kindern gesagt: Wenn viele Menschen so gewesen wären wie er, wäre vielen Leuten viel Leid erspart worden. „Dieser Spruch meiner Mutter, ihr Mut und der Mut so vieler Mithelfer und sicherlich auch der Mut eines eigentlich regimetreuen SS-Mannes begleiten mich. So handele ich in Gedanken wohl auch in ihrem Sinne“, meint Rina Nentwig. Und so sei es auch im Zug nach Berlin gewesen. „Es war so spürbar für mich – es war eine Situation, in der ich nicht mehr ausweichen und gar nicht anders handeln konnte.“

 

Dieser Text ist am 24. Juli 2015 in der Gelnhäuser Neuen Zeitung erschienen. Auf Nachfrage veröffentliche ich ihn auch auf meinem Blog. Übrigens: Ich behalte mir vor, rassistische Äußerungen und Beleidigungen kommentarlos zu löschen. Das hat weder etwas mit Zensur noch mit Meinungsfreiheit zu tun. Meine Seite, meine Regeln. Das ist so. Punkt.

Ein Kommentar

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Morgenglosse vom 9. Juni 2015

„Hey, yolo!“, sagt die Kleine ganz cool zu mir. Sie gehört mir nicht, sonst wüsste ich vielleicht, was sie meint. Sie gehört aber meiner Cousine, die grade nicht da ist. Also reiche ich ihr ein Stück Erdbeerkuchen und frage höflich nach: „Wie bitte?“ Die Kleine winkt cool ab und lackiert gelangweilt ihre Nägel: „Ach, swag!“

Hm, das bringt mich irgendwie auch nicht weiter. Hilflos schaue ich mich um. Doch außer mir sind auf dieser Geburtstagsfeier leider nur Über-Dreißigjährige wie ich, die mit Jugendsprache nichts mehr anfangen können, oder Unter-Dreijährige, die es noch nicht können. Bin unschlüssig, ob ich es weiter mit Kommunikation versuchen soll.

Mein Gegenüber scheint das Interesse an mir verloren zu haben und wischt kaugummikauend auf dem Display ihres Handys herum.  Ich räuspere mich und erkundige mich nach der absolvierten Klassenfahrt.
Gelangweiltes Stöhnen. „War nich so der Burner. In der Bude gab‘s nur fiese Mische und lauter Monks, aber wir haben ordentlich gechillt, das war das gute dran.“ Ich nicke mechanisch: „Na so ein Glück…“ Habe kein Wort verstanden. Sehe mich trotzdem genötigt, mal nachzufragen, ob sie einen Freund hat.

„Brauchst mir kein Kotelett aufs Ohr quatschen, Tussi“, sagt sie müde und setzt ihre Ray Ban Sonnenbrille auf. „Locker mal ab.“

Ich schlucke. Bin ich gerade beleidigt worden? Soll ich sie rügen?  Oder wie?

Egal, sie hört mir eh nicht mehr zu, hat Kopfhörer aufgesetzt. Muss ganz schön stressig sein, so das Leben einer Neunjährigen heutzutage.

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Die Bücher und ich…

Erschienen als Glosse „Ulla Uhu“ vom 17. April 2015

Heute bin ich in der Stadt. Und komme an einem Buchladen vorbei. Ich weiß genau: Es ist nicht gut, wenn ich dort hineingehe. Gar nicht gut. Aber dann fällt mir ein, dass ich ein Geburtstagsgeschenk für Tante Hilde brauche. Und was gibt es Besseres als ein Buch? Also rein in den Laden und einfach ein bisschen gestöbert. „Es ist ja nicht für mich“, denke ich. Und dieser neue Thriller ist bestimmt total spannend. Ich nehme das Buch und gehe zur Kasse. Ich zögere. Tante Hilde hat ein schwaches Herz. Der Thriller ist sicher zu aufregend für sie. Ich suche lieber weiter. Aber den Thriller nehme ich trotzdem mal mit. Da, ein Liebesroman. Mit allem, was ein gutes Buch braucht: ein bisschen Drama, ein bisschen Humor, ganz viel Gefühl. Ich gehe zur Kasse. Ich zögere. Tante Hilde hat so nah am Wasser gebaut. Der Roman regt sie sicher zu sehr auf. Ich suche besser etwas anderes. Aber den Roman nehme ich trotzdem mal mit. Da, eine Biografie. Ich weiß, dass das Tante Hildes Lieblingsschauspieler ist. Meiner zufällig auch. Ich gehe zur Kasse. Ich zögere. Will Tante Hilde diese peinlichen Details aus dem Leben ihres Stars wirklich wissen …? Mit fünf Büchern verlasse ich wenig später die Buchhandlung. Keines davon ist für Tante Hilde. Die bekommt eine Tasse. Ist sicherer für sie.

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Das wird man doch noch sagen dürfen

Kommentar, erschienen am 13. November 2014 in der Gelnhäuser Neuen Zeitung. Hintergrund: Die Stolperstein.-Gruppe teilte mit, dass sechs Steine nicht verlegt werden können, weil die Besitzer der anliegenden Häuser es nicht wollen.

Stolpersteine sind eine gute Sache. Da sind sich die meisten einig. Dass einige Menschen in Langenselbold nicht möchten, dass solche Gedenksteine vor ihrem Haus liegen, ist ihr gutes Recht. Ob Recht auch richtig ist, steht auf einem anderen Blatt.
Die Begründung eines Geschäftsmannes, er befürchte bei einem Stolperstein vor seinem Haus Kundenverluste, erscheint auf den ersten Blick fadenscheinig. Vielleicht wirft sie aber auch ein unschönes Licht auf die aktuelle „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen“-Gesellschaft, deren neuer Stammtisch das soziale Netzwerk ist. Ebenso tief blicken lässt die andere von der Stolpersteingruppe genannte Begründung eines Hausbesitzers, man wolle „damit nichts zu tun haben“.
Man hat aber etwas damit zu tun. Man lebt nämlich hier, in diesem Land, in dem vor vielen Jahren großes Unrecht geschehen ist. Da hilft es nichts, sich in die Gnade der späten Geburt zu flüchten. Der Durchschnittsdeutsche von heute hat zu den Nazi-Verbrechen natürlich nichts beigetragen. Ebenso wenig wie zum Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014. Trotzdem sind „Wir“ plötzlich Weltmeister. Schon komisch, dass diese populäre Denkweise bei vielen in nur eine Richtung funktioniert.
Ich bin Jahrgang 1978. Selbst meine Eltern haben die dunkelsten Stunden dieses Landes nicht selbst miterlebt. Ich fühle mich nicht verantwortlich dafür, dass ein deutsches Regime grob geschätzt etwa 13 Millionen Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung oder körperlichen Behinderung, ihrer religiösen Herkunft oder politischen Einstellung systematisch töten ließ. Aber ich fühle mich dafür verantwortlich, es nicht zu vergessen – aus Pietät den Opfern gegenüber und weil es derzeit viel zu viele gibt, die es anscheinend bereits vergessen haben und viele unschöne Dinge „wohl doch noch sagen dürfen“.
Ich weiß nicht, wer mir mehr Angst macht: Die „Das-darf-man-doch-noch-Sager“ oder die „Damit-nichts-zu-tun-haben-Woller“. Von beiden gab es vor über 70 Jahren schon mal sehr viele.
Weil es zu viele waren, müssen wir heute Stolpersteine verlegen. Und das zu verhindern, ist feige. Das wird man doch noch sagen dürfen.

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Schottenthron für Gelnhausen

Gelnhausen. Vielleicht haben Sie es schon gehört: Die Schotten wollen unabhängig werden. Heute stimmen sie darüber ab. „Unn?“, denken Sie jetzt wahrscheinlich typisch hessisch. Doch Schottland ist nicht so weit weg, wie Sie meinen. Denn wenn die Kilt-Träger sich tatsächlich von Großbritannien und damit vom englischen Königshaus lossagen, ist der schottische Thron sozusagen verwaist – und frei für die Gelnhäuser Erben.
Den traditionellen Schotten, den sogenannten Jakobiten, zufolge ist die Queen ohnehin nicht ihre rechtmäßige Herrscherin. Denn das Haus Hannover hat den britischen Thron einst widerrechtlich besetzt. Sagen die Jakobiten. Die Krone gebühre den Stuarts. Und jetzt raten Sie mal, wer der legitime Nachkomme dieses Adelsgeschlechtes ist: Herzog Franz von Bayern, Franken und in Schwaben, Pfalzgraf bei Rhein und Stammhalter des Hauses Wittelsbach. Er gilt, nachdem das eigentliche Haus Stuart schon 1807 ausgestorben ist, als aktueller „Thronprätendent“.
Aber jetzt kommt‘s: Der Erbe des kinderlosen Bayern-Herzogs ist sein Bruder Max Emanuel Ludwig Maria Herzog in Bayern. Und der Herzog in Bayern ist ein Nachfahre des Adelsgeschlechtes Pfalz-Birkenfeld-Gelnhausen. Was also bedeutet, dass der schottische Thron demnächst an Blaublütige fällt, deren Stammbaum in der Barbarossastadt verwurzelt ist. Da haben wir‘s. Wenn wir schon kein Papst mehr sind, dann werden wir eben schottischer König.
Naja, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Erstens ist der Max nur in die Linie ‘reinadoptiert. In seinen Adern fließt also mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Tropfen Gelnhäuser Blut. Aber da kann man drüber wegsehen, adopiert ist adoptiert, und damit ist der Max Gelnhäuser. Punkt.
Der größere Stolperstein dürfte sein, dass der gute Franz von Bayern vor unserem Gelnhäuser Bub in der Erbfolge steht. Aber der hat bereits angekündigt, keine Lust zu haben, als Francis II. in die Geschichte einzugehen. Der Max, der bei den Jakobiten hochoffiziell „Herzog von Albany“ genannt wird, ist als Nachfolger schon etabliert. Und nach ihm steht seine Tochter Sophie, Erbprinzessin von Liechtenstein, in der Thronfolge. Sie sehen also, das Fortbestehen des blauen Blutes aus Gelnhausen auf dem schottischen Thron ist auf lange Sicht gesichert.
Der Legende zufolge soll der sagenhafte „Stone of Scone“, der unter den schottischen Thron gehört, übrigens laut brüllen, sobald der rechtmäßige König seinen Fuß darauf setzt. Seit 1996 befindet sich der Stein  wieder in Schottland – die Engländer hatten ihn 700 Jahre zuvor geraubt. Als die Queen 1952 gekrönt wurde, lag der sagenhafte Stein noch unter dem englischen Thron. Brüllen hat ihn damals niemand gehört. Wenn der Max kommt, hat der Stein bestimmt einiges zu sagen.
Apropos brüllen: Künftig kann also der brüllende Löwe aus dem schottischen Wappen gestrichen und der Gelnhäuser Adler dafür eingefügt werden. Für Bürgermeister Thorsten Stolz und den gesamten Magistrat ist Kilt bald offizielle Amtstracht, dafür finden am Loch Ness Erlebnisführungen statt.
Knackpunkt dieses genialen Masterplans zur Gelnhäuser Machtübernahme in den Highlands könnte aber noch sein, dass laut englischem Recht kein Katholik mehr auf den Thron darf – für unseren Herzog in Bayern Max keine guten Nachrichten. Aber das ist schließlich englisches Recht und vielleicht ab morgen in Schottland Geschichte…

Erschienen am 18. September 2014 in der Gelnhäsuer Neuen Zeitung

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